Auf der re:publica 26 präsentiert Katrin Gottschalk von der taz den Transformationsprozess der linken Tageszeitung. Unter dem Titel „Solidarisch digital – warum Journalismus stärker sein kann als Algorithmen“ erzählt sie, wie die taz im Oktober 2025 als erste überregionale deutsche Tageszeitung die tägliche Druckausgabe einstellte und seither digital sowie mit einer Wochenend-Printausgabe erscheint. Im Fokus stehen der erfolgreiche Erhalt der Leser:innenschaft und die besondere Rolle der Community.

Die Community trug den Wandel trotz anfänglicher Wut

Laut Gottschalk seien die Genoss:innen 2018 empört gewesen und hätten mit Abwanderung gedroht. Dennoch stimmten sechs Jahre später 77 % für das digitale Modell. Heute seien 88,3 % der Print-Abonnent:innen geblieben. (Zitat: „Heute, ein halbes Jahr nach der letzten gedruckten Tagesausgabe, sind 88,3 % der alten Printleserinnen noch immer bei uns“)

Vertrauen und Ehrlichkeit waren zentraler als perfekte Kommunikation

Sie betone, Transformation gelinge durch gemeinsame Geschichte und Ehrlichkeit, nicht durch strategische Planung. Die taz habe Risiken stets offen benannt. (Zitat: „Vertrauen entsteht nicht durch strategisch perfekt geplante Kommunikation, sondern durch eine gemeinsame Geschichte und vor allem durch Ehrlichkeit.“)

Digitale Bildungsarbeit: Telefonate und ‚Appenings‘

Vom Hausmeister bis zur Geschäftsführung hätten alle Leser:innen angerufen, um bei Tablet und App-Installation zu helfen. Eine 86-jährige Frau sei am Telefon dabei begleitet worden. Zusätzlich habe man mit Veranstaltungen vor Ort App-Hilfe angeboten. (Zitat: „Wir haben insgesamt vier Appenings veranstaltet, das ist eine Wortkombination aus Happening und App“)

Keine externe Beratung, keine Paywall – der eigene Weg

Statt auf Trends zu setzen, habe die taz interne Kolleg:innen zu Produktentwickler:innen gemacht und auf externe Transformationsberater:innen verzichtet. (Zitat: „wir haben auch im Management auf unseren eigenen Weg gesetzt und nicht Leute von außen eingekauft“)

Solidarität statt Algorithmus: Gegenmodell zu rechten Portalen

Gottschalk setze die taz von reichweitengetriebenen Portalen wie „News“ ab: Diese verbreiteten Hetze, die taz arbeite mit presseethischen Grundsätzen. Die Verbundenheit zeige sich in Tattoos und finanzieller Unterstützung. (Zitat: „News hat Algorithmen, wir haben Menschen.“)

Einordnung

Die Präsentation von Katrin Gottschalk ist eine geschickt erzählte Erfolgsgeschichte, die den Transformationsprozess der taz als heroischen Kampf gegen digitale Entfremdung und rechte Plattformen inszeniert. Emotional aufgeladen mit Anekdoten über Champagner, Tattoos und telefonische IT-Hilfe baut sie eine starke Wir-Gemeinschaft auf. Die Argumentation lebt von einer klaren Dichotomie: hier der vertrauensbasierte, solidarische Journalismus – dort die algorithmengetriebene, empörungsgesteuerte Plattformwelt. Diese Zuspitzung verleiht dem Vortrag zwar Mobilisierungskraft, blendet jedoch Ambivalenzen aus: Von den zwölf Prozent verlorenen Print-Abonnent:innen ist kaum die Rede, strukturelle Hürden digitaler Teilhabe werden nur kurz gestreift. Die Genossenschaftsversammlung erscheint als demokratische Weihe eines Managementvorhabens, das geschickt kommunikativ begleitet wurde. Der Vortrag ist weniger Analyse als überzeugende Selbstvermarktung des taz-Modells – wirkungsvoll, aber nicht ausgewogen. Die fehlende kritische Reflexion eigener Schwächen und die ausschließliche Fokussierung auf die Community-Perspektive lassen den Anspruch, eine Blaupause für andere Medien zu bieten, fraglich erscheinen.