In dieser Episode von „Weltwoche Daily Spezial“ stellen Moderator Roman Zeller und der Historiker Christoph Mörgeli den sogenannten Bundesbrief von Brunnen aus dem Jahr 1315 ins Zentrum. Vor der idyllischen Kulisse des Vierwaldstättersees wird der Brief als eigentliche zweite Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft präsentiert. Statt einer trockenen Quellenkritik liefern die beiden eine geschichtspolitische Erzählung: Eine kleine, freie Schar habe sich gegen ein übermächtiges Ritterheer durchgesetzt und diesen Sieg in einem wegweisenden Vertrag auf Deutsch festgehalten. Die Gründung der Schweiz erscheint hier nicht als komplexer historischer Prozess, sondern als ein heroischer Akt der Selbstbehauptung, der linearen Fortschritt verspricht – von den „Waldstätten“ hin zu den mächtigen Städten Zürich und Bern.
Zentrale Punkte
- Brunnen als zweite Gründungsurkunde Der Bundesbrief von 1315 sei ein ausführlicheres Dokument als der von 1291 und in deutscher, nicht lateinischer Sprache verfasst. Er bekräftige den Bund gegen die Habsburger, enthalte strafrechtliche Regeln und betone die Unterscheidung zwischen Eigenen und Fremden.
- Morgarten als Gründungsmythos Die Schlacht am Morgarten, die diesem Brief vorausging, wird als erster Befreiungskrieg beschrieben. Der Sieg sei durch kluge Geländenutzung gegen ein zahlenmäßig weit überlegenes, aber unbewegliches Ritterheer möglich geworden; ein kaum hinterfragter Ursprungsmythos der wehrhaften Schweiz.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in ihrer didaktischen Reduktion. Mörgeli kann als langjähriger Historiker detailreich und anschaulich die Bedeutung eines weniger bekannten Dokuments vermitteln. Der Ortsbesuch in Brunnen schafft einen lebendigen Zugang zur Geschichte, und die Darstellung der Schlacht von Morgarten ist handwerklich gut erzählt.
Kritisch zu sehen ist die Rahmung. Der Bund wird konsequent als Fortschrittsgeschichte einer Unabhängigkeitsbewegung erzählt, bei der Begriffe wie „Freiheit“ und „Befreiungskrieg“ affirmativ genutzt, aber nicht eingeordnet werden. Die im Brief festgeschriebene Abgrenzung von „Eigenen und Fremden“ wird von Mörgeli mit dem Satz kommentiert: „Das macht man heute nicht mehr so gern“. Dieser Satz verortet die historische Quelle unkritisch als positives Gegenbild zur Gegenwart, ohne die Ausgrenzungslogik des Dokuments historisch-kritisch zu bewerten. Alternative wissenschaftliche Perspektiven auf die Entstehung der Eidgenossenschaft werden als nicht einig erwähnt, aber nicht vertieft.
Hörempfehlung: Für historisch Interessierte, die eine atmosphärische Einführung in den Bundesbrief von Brunnen suchen und die politisch-nationale Rahmung der „Weltwoche“ einordnen können.
Sprecher:innen
- Roman Zeller – Moderator, Weltwoche Daily
- Prof. Christoph Mörgeli – Historiker und ehemaliger SVP-Politiker