In dieser Episode von The Rest Is Politics Question Time dominieren drei Themenfelder, bei denen die Hosts eine zunehmende Entfremdung zwischen staatlichem Handeln und öffentlichem Interesse ausmachen. Die Diskussion über den Datenkonzern Palantir kreist dabei weniger um Datenschutz als vielmehr um die strategische Abhängigkeit von einer US-Firma, deren Chef eine autoritäre, anti-pluralistische Weltsicht pflege. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass ein schlanker Staat auf private Tech-Konzerne angewiesen ist, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Beim Thema Außenpolitik wird der Sparkurs der eigenen Labour-Regierung als stiller Verrat an einer wertebasierten internationalen Ordnung gedeutet. Mit Blick auf die psychische Gesundheit zeigt sich ein überraschender Befund: Nicht das urbane, linke Milieu, sondern die konservative Arbeiterschaft fordert laut Umfragen am lautesten mehr staatliche Hilfe.
Zentrale Punkte
- Palantirs Abhängigkeitsfalle Die eigentliche Gefahr liege nicht im Datenklau, sondern in der Abhängigkeit der kritischen Infrastruktur vom guten Willen des Weißen Hauses. Palantir-Chef Carp setze eine unerschütterliche Einheit des Westens voraus – eine Annahme, die unter Trump akut bröckle, ohne dass es eine europäische Rückfalloption gebe.
- Kürzung als bequeme Blindheit Die Schließung der Völkerrechtsabteilung im Foreign Office sei nicht nur Sparpolitik, sondern auch politisch bequem. Man entledige sich so der internen Stimmen, die Minister ständig darauf hinwiesen, dass Waffenlieferungen an Israel oder andere Staaten eigentlich gegen internationales Recht verstoßen könnten.
- Mental Health und der „rote Wall“-Faktor Regierungsunabhängige Umfragen hätten gezeigt, dass die Zustimmung zu mehr staatlichem Engagement für mentale Gesundheit bei konservativen, patriotischen Wählerschichten („Rooted Patriots“) mit 81 Prozent am höchsten sei. Das widerlege das Klischee, nur eine „woke Linke“ thematisiere psychische Belastungen.
- Sprachliche Schlagseite im Gaza-Krieg Anhand des Buches „How to Sell a Genocide“ wird kritisiert, dass selbst liberale US-Leitmedien palästinensische Opfer sprachlich entmenschlichten. Kindstode würden in der Ukraine aktiv Russland zugeschrieben, in Gaza hingegen im Passiv ohne Täter („eine Bombe ging hoch“) beschrieben.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der Verbindung von persönlicher Erfahrung mit trockener Strukturanalyse – etwa, wenn Stewarts Insider-Blick aus dem Gefängnisdienst die technische Nützlichkeit von Palantir erklärt, nur um kurz darauf die politische Naivität des Gründers zu sezieren. Überzeugend ist auch, wie Campbell und Stewart die Debatte über psychische Gesundheit von ideologischen Schubladen lösen, indem sie die ökonomische Verzweiflung in abgehängten Regionen als Ursache benennen und aufzeigen, dass die Betroffenheit in klassischen Arbeiter:innen-Milieus besonders hoch ist.
Kritisch bleibt, dass die Episode trotz aller Eloquenz stark in einer exklusiven Westminster-Blase verharrt. Bei der Palantir-Diskussion bleibt die Frage, ob es nicht zutiefst problematisch ist, dass ein Konzern mit einem anti-demokratischen Manifest überhaupt Gesundheitsdaten von Bürger:innen managt, seltsam unberührt – der Fokus liegt fast ausschließlich auf der geopolitischen USA-Abhängigkeit. Die Perspektive von Datenschutz-Aktivist:innen oder der betroffenen Patient:innen wird durch die rein technokratische Brille („die Software funktioniert doch“) verdeckt. Wie sehr die eigene Tonalität in Bezug auf Israel verrutscht sein könnte, gesteht Campbell selbstkritisch nur kurz ein. Diese Reflexion dringt tiefer als viele andere Diskurse: „Und ich frage mich, wie sehr wir selbst uns zurückgehalten haben.“
Hörempfehlung: Lohnend für alle, die verstehen wollen, wie Tech-Investoren aus dem Umfeld von Thiel und Vance das Verhältnis von Staat und Individuum neu definieren wollen, und für jene, die sich für die Psychologie politischer Milieus jenseits simpler Rechts-Links-Raster interessieren.
Sprecher:innen
- Alastair Campbell – Ehem. Kommunikationschef von Tony Blair, politischer Stratege und Autor
- Rory Stewart – Ehem. konservativer Minister, Diplomat und Historiker