Nach den gewaltsamen Unruhen nach der Wahl in Tansania 2025 setzte die Regierung eine Untersuchungskommission ein. Der nun vorgestellte Bericht bestätigt 518 Todesfälle durch „unnatürliche Ursachen", nennt aber keine Verantwortlichen – eine Lücke, die Human Rights Watch scharf kritisiert. Im Gespräch mit DW-Moderator Eddy Micah Jnr analysiert HRW-Forscher Oryem Nyeko den Bericht als strategisches Ablenkungsmanöver. Nyeko zufolge schade die fehlende Veröffentlichung des vollständigen Dokuments und seine Rahmung als „Eigentum der Präsidentin" dem Vertrauen in die Aufarbeitung massiv.

Zentrale Punkte

  • Keine Verantwortlichen benannt Der Bericht bestätige zwar die Opferzahl, nenne aber weder Täter:innen noch Befehlsgeber:innen. Nyeko werte dies als bewusste Verzögerungstaktik der Behörden, um internationalem Druck auszuweichen und Zeit zu gewinnen.
  • Fehlende Transparenz Dass weder der vollständige Bericht öffentlich sei noch eine Strategie zur Veröffentlichung existiere, untergrabe die Glaubwürdigkeit. Die Bezeichnung als „Eigentum der Präsidentin" signalisiere Macht statt Teilhabe und mache das Dokument zum Spielball politischer Interessen.
  • Notwendigkeit breiterer Reformen Die Gewalt stehe nicht isoliert, sondern sei Teil eines jahrelangen repressiven Umfelds. Ohne Verfassungsreformen und die Entschärfung rechtlicher Einschränkungen für Opposition und Medien drohe sich der Kreislauf von Gewalt und Ungerechtigkeit zu wiederholen.

Einordnung

Das Gespräch bringt eine fundierte menschenrechtliche Perspektive. Nyeko argumentiert klar und verbindet den konkreten Fall mit einer strukturellen Analyse der Machtverhältnisse. Der Moderator stellt kritische Fragen und hakt bei der Definition von „Eigentum" überzeugend nach. Die Einbettung der Gewalt in einen Zehnjahreszeitraum staatlicher Repression liefert eine notwendige historische Tiefe. Einen blinden Fleck bildet die Prämisse, die Regierung habe ausschließlich strategisch verzögert – die Möglichkeit, dass die Kommission zumindest die Zahl der Opfer als unstrittigen Fakt etabliert und damit spätere juristische Schritte stützen könnte, wird nicht abgewogen. Eine von der DW eingefangene Stimme einer betroffenen Person bringt die Enttäuschung auf den Punkt: „Als ich den Bericht hörte, war ich schockiert – er stimmt nicht mit dem überein, was wir an diesem Tag gesehen und gehört haben. Es zeigt, dass unsere Erfahrungen nicht ernst genommen werden." Das Zitat veranschaulicht, wie die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und offiziellem Narrativ das Vertrauen in die Aufarbeitung untergräbt.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie institutionelle Aufarbeitung instrumentalisiert werden kann und warum Transparenz für das Vertrauen in staatliche Prozesse zentral ist.

Sprecher:innen

  • Eddy Micah Jnr – Host, DW AfricaLink
  • Oryem Nyeko – Senior Researcher, Africa Division, Human Rights Watch