Die französische Bewegung Soulèvement de la Terre hat mit Großaktionen gegen industrielle Wasserbecken weltweit Aufmerksamkeit erregt. Im Gespräch mit Inken Behrmann und Valentin Ihßen berichten die Aktivistinnen Elena und Louise von ihren Organisationsprinzipien – und davon, dass sie den Begriff „Klimabewegung" bewusst nicht in den Vordergrund stellen. Statt auf die überwältigende Dimension der planetaren Klimakrise zu starren, rücken sie konkrete Fragen in den Blick: Wem gehört das Land? Was wächst darauf und wer bewässert es? Das Gespräch führt vor, wie strategische Entscheidungen – von Begriffswahl bis Aktionsform – nicht zufällig, sondern Teil einer durchdachten politischen Praxis sind. Als selbstverständlich gilt dabei, dass ziviler Ungehorsam legitim sei, dass lokale Verankerung die Basis wirksamer Kämpfe bilde und dass industrielle Landwirtschaft und Wasseraneignung grundsätzlich bekämpft werden müssten.

Zentrale Punkte

  • Entwaffnung statt Sabotage Die Aktivistinnen unterschieden strikt zwischen „Entwaffnung" und „Sabotage". Sabotage beschädige lebensnotwendige Infrastruktur; die Wasserbecken aber gefährdeten das Leben, weshalb ihre Zerstörung eine Entwaffnung sei – ein positiv besetzter Akt der Verteidigung von Lebensgrundlagen.
  • Vom Lokalen ins Nationale Lokale Kämpfe, die alle rechtlichen und demonstrativen Mittel ausgeschöpft hätten, könnten sich an Soulèvement de la Terre wenden. Erst dann werde über Aufnahme in den landesweiten Aktionsplan entschieden; alle wesentlichen Beschlüsse träfen weiterhin die Menschen vor Ort.
  • Beziehungsarbeit als dritte Säule Neben Aufgaben und Prozessen stelle die Bewegung Beziehungen ins Zentrum ihrer Organisierung. Mehrtägige Treffen mit gemeinsamem Essen, Feiern und Geländebegehungen sollten Vertrauen stiften – auch zu den Orten und denjenigen, die sie seit Generationen kennen.
  • Nie dieselbe Aktion zweimal Als zentrale Lehre formulieren die Gästinnen: Dort wo es gelungen sei, gegnerische Strategien zu umgehen, sei es unerwartet gewesen. Die Wiederholung einst erfolgreicher Aktionsformen in Saint-Soline hingegen habe traumatische Konsequenzen gehabt.

Einordnung

Das Gespräch besticht durch die Tiefe, mit der organisatorische und strategische Fragen verhandelt werden. Statt bei Aktionsspektakeln stehenzubleiben, legen Elena und Louise die Entscheidungslogik ihrer Bewegung offen – von Kriterien zur Auswahl lokaler Kämpfe bis zur bewussten Pflege von Beziehungen als Gegenpol zur reinen Aufgabenabarbeitung. Auch Fehler werden benannt, etwa die gescheiterte Wiederholung einer zuvor geglückten Aktion in Saint-Soline oder eine medienstrategisch missglückte Salatkopf-Aktion. Dieses Eingeständnis eigener Schwächen verleiht dem Gespräch Glaubwürdigkeit und unterscheidet es von wirkungsheischender Bewegungspropaganda.

Die Episode bleibt allerdings konsequent innerhalb der aktivistischen Binnenlogik. Dass etwa industrielle Landwirtschaft oder Wasserbecken grundsätzlich zu bekämpfen seien, wird nicht zur Diskussion gestellt, sondern als geteilter Ausgangspunkt vorausgesetzt – ein Format wie dieses darf das tun, muss aber in der Rezeption mitgedacht werden. Die Übersetzungssituation glättet stellenweise die sprachliche Präzision; Nuancen des französischen Diskurses um „désarmement" werden nur angedeutet. Dennoch gelingt es, die für deutsche Bewegungen relevanten Übertragungsfragen aufzuwerfen: Wie lässt sich eine Praxis entwickeln, die weder als „UFO-Aktion" von außen einfliegt noch in strategischer Erstarrung endet?

„Wir unterscheiden zwischen den Begriffen Entwaffnung und Sabotage, weil für uns bei Sabotage mitschwingt, dass man etwas beschädigt, das aber eine lebensnotwendige Infrastruktur ist und wir diese Infrastruktur als etwas begreifen, das eigentlich das Leben gefährdet." (Elena/Louise, 02:10:21)

Hörempfehlung: Für Aktivist:innen und strategisch Interessierte, die verstehen wollen, wie lokale Verankerung, flexible Aktionsformen und bewusste Sprachpolitik ineinandergreifen können.

Sprecher:innen

  • Elena – Aktivistin bei Soulèvement de la Terre, lebt in einem Gemeinschaftshaus nahe einer Großstadt
  • Louise – Aktivistin bei Soulèvement de la Terre, mobile Sägerei-Betreiberin im Limousin
  • Inken Behrmann – Co-Moderatorin des Was tun Podcasts, politische Strategin
  • Valentin Ihßen – Co-Moderator des Was tun Podcasts, politischer Stratege