Die schwarz-rote Koalition steht nach einem Jahr an einem Tiefpunkt: Nur noch ein Viertel der Deutschen glaubt, dass sie die vollen vier Jahre hält. Friedrich Merz verteidigt bei Caren Miosga das Bündnis, betont den ordentlichen Koalitionsvertrag und beschwört den Kompromiss als demokratische Tugend. Zugleich wird hinter den Kulissen offen über ein mögliches Scheitern spekuliert. Wolfgang Schmidt, ehemaliger Kanzleramtschef unter Olaf Scholz, bringt eine ungewöhnliche Perspektive ein: Er plädiert für Grundsolidarität mit den Regierenden und weist den Vorwurf, linke SPD-Funktionäre blockierten notwendige Reformen, entschieden zurück. Als selbstverständlich gilt dabei die Annahme, dass nur diese Koalition der politischen Mitte das Land stabilisieren könne – Alternativen jenseits von Schwarz-Rot werden nicht ernsthaft diskutiert.
Zentrale Punkte
- Nachsicht aus Regierungserfahrung Wolfgang Schmidt beanspruche für die aktuelle Regierung eine „Grundsolidarität" ehemaliger Regierender. Er wisse aus eigener Erfahrung um die Komplexität des Regierens und beurteile die Koalition deshalb milder als viele Kritiker:innen, auch wenn er einräume, dass Merz die Schwierigkeiten einer Koalitionsdemokratie unterschätzt haben könnte.
- Keine linken Blockierer in der SPD Den verbreiteten Vorwurf, die SPD-Spitze müsse auf linke Funktionäre Rücksicht nehmen und könne deshalb wirtschaftspolitisch nicht liefern, weise Schmidt als „Zerrbild" zurück. Er habe diese blockierende Gruppe trotz intensiver Suche nicht gefunden. Diese Erzählung diene manchen auch als „bequeme Ausrede" für fehlende eigene Ideen des Koalitionspartners.
- Plädoyer gegen Scheindebatten Statt über einzelne Feiertage oder Sparmaßnahmen zu streiten, müsse die Koalition grundlegende Herausforderungen anpacken: wegbrechende Exportmärkte, teure Energie, Bildungskrise. Mit Lohndumping allein sei gegen chinesische Konkurrenz nicht anzukommen. Schmidt fordere, konstruktiv hinter verschlossenen Türen zu verhandeln, statt sich öffentlich in Kleinstkonflikten zu verlieren.
Einordnung
Das Gespräch mit Wolfgang Schmidt bringt eine erfrischende Perspektive in die oft aufgeregte Debatte um die Koalitionskrise. Statt Schuldzuweisungen zu wiederholen, lenkt er den Blick auf strukturelle Herausforderungen – etwa die Frage, wo künftige Arbeitsplätze entstehen sollen – und setzt dem Narrativ von der blockierenden SPD eine konkrete Gegendarstellung entgegen. Seine Forderung, weniger über taktische Manöver und mehr über echte Reformen zu sprechen, wirkt wohltuend differenziert und selbstkritisch gegenüber dem eigenen Lager.
Was fehlt, ist eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Frage, warum diese schwarz-rote Koalition trotz ähnlicher Diagnose so viel schlechter funktioniert als frühere große Koalitionen. Die Analyse bleibt an der Oberfläche, wenn Schmidt die Probleme auf Kommunikationsdefizite und äußere Umstände schiebt, ohne die offensichtlichen strategischen und personellen Defizite im Kanzleramt konkret zu benennen. Dass wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und militärische Abschreckung als unhinterfragte Ziele gesetzt werden, während soziale Kosten allenfalls als Standortnachteil erscheinen, prägt das Gespräch durchgängig.
Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die ein differenziertes, von eigener Regierungserfahrung geprägtes Bild der Koalitionsdynamik suchen – jenseits der üblichen Empörungsschleifen.
Sprecher:innen
- Helene Bubrowski – Co-Chefredakteurin von Table Briefings, Moderatorin
- Michael Bröcker – Co-Chefredakteur von Table Briefings, Moderator
- Wolfgang Schmidt – Ex-Kanzleramtschef unter Olaf Scholz, langjähriger SPD-Spitzenberater