Happy Birthday, Amerika. Anlass der Sendung ist das 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung, doch so richtig zu feiern scheint niemandem zumute zu sein. Die Moderatorin Lena Mosel versammelt eine Runde, die sich beim Blick auf die Vereinigten Staaten zwar einig ist, dass der Graben tief ist – über die Ursachen, die Verantwortlichen und die Konsequenzen streitet man dafür umso heftiger. Die Diskussion wird schnell zum Spiegel der amerikanischen Spaltung: Während der Republikaner-Vertreter George Weinberg die Polarisierung für ein medial herbeigeredetes Phänomen hält, sehen die Journalistinnen Jiffer Bourguignon und Rieke Havertz sie durch reale Daten belegt und von Präsident Trump bewusst vorangetrieben. Der Politikwissenschaftler Stephan Bierling schiebt als Ursache eine politische Klasse nach, die Wähler:innen durch Emotionalisierung zu treuen Stimmvieh mache.

Unausgesprochen bleibt dabei, dass hier sehr unterschiedliche Ebenen vermischt werden. Während die einen den alltäglichen Umgang der Bürger:innen beschwören, verweisen die anderen auf strukturelle Dysfunktionen im politischen System. Das gemeinsame Jubiläum wird so zum bloßen Aufhänger für einen handfesten transatlantischen Lagerstreit, bei dem persönliche Erfahrung gegen politikwissenschaftliche Analyse steht und die Frage nach dem Selbstverständnis der Nation im Getöse der tagespolitischen Empörung unterzugehen droht.

Zentrale Punkte

  • Der amerikanische Traum als schöne Lüge Bourguignon zufolge sei der amerikanische Traum für viele schon immer eine Lüge gewesen, aber eine schöne. Die USA stünden vor dem Problem, dass man sich auf keine gemeinsame Erzählung mehr einigen könne und die Kraft für einen neuen Traum derzeit fehle, da die Nation innerlich zerrissen sei.
  • Polarisierung als Systemfehler Bierling argumentiere, die parteipolitische Spaltung sei messbar stärker als je zuvor, etwa an der Fraktionsdisziplin im Kongress oder daran, dass Eltern ihre Kinder nicht über Parteigrenzen hinweg verheiraten wollten. Das präsidentielle System werde dadurch dysfunktional, da es auf Kompromiss angewiesen sei.
  • Irankrieg spaltet auch das Trump-Lager Die Runde sei sich uneinig über die Zustimmung zum Militärschlag. Während Weinberg von einem Verteidigungskrieg spreche, verweise Bourguignon auf die Unzufriedenheit in der MAGA-Basis, die einen „Forever War“ ablehne. Die Moderatorin mahne völkerrechtliche Maßstäbe für alle Seiten an.
  • Europas erzwungene Emanzipation Bierling und Havertz seien sich einig, dass Europa jahrzehntelang bequem von der amerikanischen Schutzmacht gelebt und notwendige Eigenständigkeit verschlafen habe. Trumps ruppiger Stil sei ein Weckruf, auf den Europa mit schneller Koordination reagiere – ein besseres Verhältnis ergebe sich nur durch einen rationalen, eigenständigen Blick Richtung Washington.

Einordnung

Die Diskussion lebt von der Konfrontation deutlich unterschiedlicher Standpunkte und macht so die transatlantischen Reibungsflächen hörbar. Besonders die journalistischen Perspektiven von Bourguignon und Havertz liefern wertvolle Einblicke in die innenpolitischen Risse der USA und deren europäische Konsequenzen. Havertz etwa konkretisiert den Schaden von Trumps Politisierung des Jubiläums mit dem faktischen Hinweis auf die zweigleisige Organisation der Feierlichkeiten und die Patentanträge des Präsidenten. Bierling wiederum ordnet die Krise historisch und politikwissenschaftlich ein und verhindert so eine Fixierung auf die Person Trump, wenn er die politisierte Emotionalisierung als systemisches Problem beider Parteien beschreibt.

Kritisch bleibt, dass das Gespräch über weite Strecken dem emotionalisierten Stil verhaftet bleibt, den es zu analysieren vorgibt. Weinbergs wiederholte Versuche, den Diskurs auf einen Kulturkampf (Transrechte, angebliche Einmischung der Medien) zu verschieben, werden von der Moderatorin zwar aufgegriffen, aber selten argumentativ eingehegt – so bleibt etwa seine Behauptung, die Spaltung existiere im Alltag nicht, ohne konkreten Widerspruch durch die genannten Forschungsergebnisse, obwohl diese im Raum standen. Zudem setzt die Runde unhinterfragt voraus, dass wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigungsausgaben die zentralen Maßstäbe für das transatlantische Verhältnis sein müssten. Ausgeblendet bleibt, was eine eigenständige europäische Sicherheitspolitik mit China, globaler Ungleichheit oder Klima zu tun hätte.

Interessant ablesbar wird die sprachliche Schieflage an einer Stelle, da sie zeigen kann, WIE hier argumentiert wird: „die alten Dinosaurier, die noch natürlich kennen […] die alte Welt, da war gab es Sowjetunion und da gab die USA […] und so weiter. Die Welt ist vorbei.“ – George Weinberg verschiebt hier den Deutungsrahmen, indem er die einst stabile, bipolare Ordnung als überholtes Fossil markiert und das gegenwärtige „totale Chaos“ als neuen Normalzustand setzt, der seine eigenen, weniger regelbasierten Logiken rechtfertige.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die das dysfunktionale Verhältnis zwischen Washington und Berlin nicht nur beklagen, sondern in seinen innenpolitischen Wurzeln verstehen wollen, bietet die Runde ein lohnendes, wenn auch teils erratisches Stimmungsbild.

Sprecher:innen

  • Lena Mosel – Moderatorin der Phoenix Runde
  • Jiffer Bourguignon – US-amerikanische Journalistin, Co-Host des Podcasts „Amerika, wir müssen reden“
  • Rieke Havertz – Internationale Korrespondentin der ZEIT, Ex-Washington-Korrespondentin
  • Prof. Stephan Bierling – Buchautor, Professor für Internationale Politik mit US-Schwerpunkt, Uni Regensburg
  • George Weinberg – Vorsitzender von Republicans Overseas Germany