Neustart: Digitale Gewalt: Warum es so schwer ist, gegen Deepfakes vorzugehen
Wie eine neue Gesetzesinitiative sexualisierte Deepfakes bekämpfen soll und warum digitale Gewalt auch ein Problem von Männlichkeitsbildern ist.
Neustart
50 min read2698 min audioDie Episode diskutiert die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung sexualisierter digitaler Gewalt, ausgelöst durch aktuelle Vorwürfe der Moderatorin Collien Fernandes und KI-generierte Bilder von Aktivistinnen. Im Zentrum steht ein angekündigter Gesetzesentwurf von Justizministerin Stefanie Hubig, der eine bestehende Strafbarkeitslücke bei Deepfakes schließen soll.
Auffällig ist, wie stark die technologische Machbarkeit von KI-Fälschungen im Diskurs als nahezu unveränderliche Gegebenheit vorausgesetzt wird. Demgegenüber wird das deutsche Rechtssystem als chronisch reaktiv und schwerfällig gerahmt. Zugleich dekonstruieren die Sprecher:innen die oft unhinterfragte Trennung zwischen physischer und digitaler Gewalt. Sie arbeiten diskursiv heraus, wie die Verantwortungslast für den Schutz vor Übergriffen gesellschaftlich systematisch bei den betroffenen Frauen statt bei Tech-Plattformen oder den Tätern verortet werde.
### Zentrale Punkte
* **Juristisches Flickwerk**
Das aktuelle Strafrecht reiche nicht aus, da Betroffene nur über Umwege wie das Kunsturhebergesetz klagen könnten. Dies drücke eine mangelnde staatliche Anerkennung des Unrechts aus.
* **Fokus auf Erstellung**
Der geplante Gesetzesentwurf solle künftig nicht nur die Verbreitung, sondern bereits die unbefugte Erstellung sexualisierter Bildaufnahmen mittels Computerprogrammen explizit unter Strafe stellen.
* **Illusion des Selbstschutzes**
Es sei technisch unmöglich, sich präventiv vor Deepfakes zu schützen, weshalb Tipps zur Datenvermeidung obsolet seien. Die Hauptverantwortung zur Eindämmung liege bei den Tech-Plattformen.
* **Männliche Verantwortung**
Digitale Gewalt sei tief mit Frauenhass und sogenannten Menosphäre-Netzwerken verknüpft. Daher müssten Männer ihr eigenes Verhalten reflektieren und zivilgesellschaftlich gegensteuern.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine präzise Aufarbeitung rechtlicher Grauzonen und dekonstruiert erfolgreich gängige Victim-Blaming-Narrative ("Selbst schuld, wer Fotos postet"). Besonders stark ist die Analyse, wie physische gegen digitale Gewalt ausgespielt wird, um letztere zu bagatellisieren. Problematisch bleibt jedoch ein technologischer Determinismus im Gespräch: Die einfache Zugänglichkeit von Deepfake-Tools wird weitgehend als unveränderliche Tatsache hingenommen, während die zugrundeliegenden ökonomischen Geschäftsmodelle der Plattformen unerwähnt bleiben. Sprachlich wird zudem versucht, die berechtigte Wut über digitale Gewalt sogleich wieder einzuhegen, etwa wenn unter Rückgriff auf einen Gastbeitrag argumentiert wird, dass „der Flammenwerfer der Empörung müsste nicht alle Männer treffen“. Die strukturelle Misogynie wird so argumentativ teils wieder individualisiert. Am Ende steht zudem ein unhinterfragter Generationen-Frame bezüglich der Emoji-Nutzung, der als bloßes Unterhaltungselement an den ernsten Hauptteil angehängt wird.
**Hörempfehlung**: Lohnenswert für alle, die eine gut zugängliche Zusammenfassung der rechtlichen Lücken und gesellschaftlichen Abwehrmechanismen rund um bildbasierte digitale Gewalt suchen.
### Sprecher:innen
* **Meike Laaff** – Hostin des Podcasts "Neustart"
* **David Will** – Volontär der ZEIT mit Fokus auf digitale Rechtsthemen
* **Lisa Hegemann** – Ressortleiterin Digital der ZEIT