Der Beitrag von Radio Corax unternimmt einen politischen Streifzug durch Wittenberg und sein Umland kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die beiden Moderator:innen bewegen sich zwischen der aufpolierten Altstadt und vernachlässigten Außenbezirken. Sie begegnen einer Stadtgesellschaft, die als räumlich und sozial gespalten beschrieben wird. Die Gespräche mit Initiativen vor Ort drehen sich um den alltäglichen Kampf gegen den Verfall von Wohnraum, die Suche nach queeren Freiräumen jenseits tolerierender Gleichgültigkeit und die drohende Normalisierung rechtsextremer Positionen. Die eigene Rolle verstehen die Reporter:innen nicht als neutrale Beobachter:innen, sondern klar parteilich: als solidarische Verstärker:innen zivilgesellschaftlicher Gegenwehr.
Zentrale Punkte
- Queeres Leben im Verborgenen Queer-Sein werde in Wittenberg zwar oberflächlich toleriert, öffentliches Zeigen von Zuneigung oder trans* Identitäten stießen jedoch auf Unverständnis und Anfeindung. Ein lebendiges queeres Leben finde praktisch nicht statt, Angebote wie der CSD blieben isolierte Leuchttürme, getragen von wenigen Jugendlichen, die dem Wegzug in Großstädte oft nichts entgegensetzen könnten.
- Privatisierung als Verfallstreiber Am Beispiel der Werkssiedlung Piesteritz schildern die Moderator:innen, wie nach dem Ende der Treuhand der häufige Eigentümerwechsel zu einem Sanierungsstau und Rattenplagen führe. Die Siedlung erscheine als reines Spekulationsobjekt, bei dem die Interessen der Mieter:innen systematisch übergangen würden, da direkte Ansprechpartner vor Ort fehlten.
Einordnung
Die Stärke dieses Radiobeitrags liegt in der Sichtbarmachung lokaler Alltagskämpfe. Es kommen Menschen zu Wort, die von städtischen Entwicklungen direkt betroffen sind – etwa die Mieterin aus Piesteritz, deren konkrete Schilderung den Zusammenhang von Eigentümerwechsel und öffentlichem Verfall eindrücklich belegt. Die Autor:innen vermitteln erfolgreich, dass es in Wittenberg aktive, wenn auch fragile, Netzwerke gegen Rechts und für queere Sichtbarkeit gibt.
Dabei geht die Analyse der gesellschaftlichen Spaltung jedoch von einer etwas vagen Zentrum-Peripherie-Logik aus: die sanierte Altstadt als Eventkulisse, die umliegenden Gebiete und deren Bewohner:innen als das „eigentliche“ Wittenberg, das im Stich gelassen werde. Diese räumliche Erzählung verdeckt ein wenig, dass auch innerhalb der Altstadt soziale Kämpfe stattfinden. Die Aussagen zur schwierigen Lage queerer Menschen bleiben punktuell; die angesprochene massive Bedrohung durch eine rechtsextreme Wahlmehrheit wird stark benannt, ohne dass im Beitrag die konkreten Mechanismen oder lokalen Akteur:innen dieser Bedrohung genauer beleuchtet würden. Der hohe Grad der Selbstverortung als parteiisches Radio ist transparent, lässt aber keinen Raum für überraschende Perspektiven jenseits der erwartbaren Klientel.
Sprecher:innen
- Lukas – Reporter von Radio Corax, berichtet live aus Wittenberg
- Nicht namentlich genannte:r Moderator:in – Co-Reporter:in von Radio Corax