Die Episode des Apofika-Presseklubs beschäftigt sich mit dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon, der von einer brüchigen, von den USA vermittelten Waffenruhe überlagert wird. Gastgeber Markus Feldenkirchen spricht mit drei Nahost-Korrespondent:innen über die militärischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Konflikts. Die Diskussion kreist um die Frage, was Israel mit seinem Vorrücken im Südlibanon erreichen will, ob die Hisbollah dauerhaft zu schwächen ist und wie die Menschen in der Region mit der Dauerkrise leben. Im Gespräch werde deutlich, dass militärische Erfolge ohne politische Strategie ins Leere liefen – und dass die israelische Regierung unter Benjamin Netanyahu den Konflikt womöglich auch aus innenpolitischen Gründen am Laufen halte. Die libanesische Perspektive wird vor allem durch Reportageeindrücke von vor Ort eingebracht, während die israelische Sicherheitslogik und die geopolitische Rolle Irans den analytischen Rahmen bilden.
Dabei wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Israels Sicherheit vorrangig militärisch herzustellen sei und dass die Hisbollah ein primär zu bekämpfender Akteur bleibe, solange sie Raketen auf Israel abfeuere. Alternative Ansätze – etwa eine politische Einbindung der Hisbollah oder eine grundlegend andere Sicherheitsarchitektur – werden kaum vertieft. Die Angst vieler Israelis vor existenzieller Bedrohung wird als real und historisch begründet beschrieben, ohne diese Wahrnehmung kritisch auf ihre politische Instrumentalisierung zu befragen.
Zentrale Punkte
- Militärische Erfolge ohne politische Strategie Israel erziele zwar taktische Erfolge gegen die Hisbollah, habe aber keine langfristige politische Lösung für den Konflikt. Die Armeeführung vertraue darauf, dass die Politik irgendwann eine Folgestrategie liefern würde – was jedoch seit Jahren nicht geschehe.
- Hisbollah als lernende Organisation Die Hisbollah sei militärisch geschwächt, aber nicht besiegt. Sie passe sich taktisch an, etwa mit neuen Drohnen, die israelischen Bodentruppen gefährlich würden. Solange Israel im Libanon einmarschiere, werde der Widerstand gegen die Besatzung immer wieder neue Kämpfer:innen hervorbringen.
- Der libanesische Staat als Spielball Die libanesische Regierung könne die Hisbollah nicht entwaffnen, ohne einen neuen Bürgerkrieg zu riskieren. Israel nutze diese Schwäche, um sein militärisches Vorgehen zu rechtfertigen. Die Bevölkerung wünsche sich eine funktionierende Waffenruhe, sei aber zwischen den Fronten gefangen.
- Netanyahus innenpolitisches Kalkül Der Kriegszustand helfe Netanyahu, von innenpolitischen Problemen abzulenken und sich für die Wahlen im Herbst 2026 zu positionieren. Es gebe in Israel die Sorge, er könne den Konflikt bei schlechten Umfragen gezielt eskalieren lassen, um im Amt zu bleiben.
Einordnung
Die Episode leistet eine dichte Einordnung des Libanon-Konflikts, die von der langjährigen Expertise der drei Korrespondent:innen profitiert. Besonders die Reportage-Eindrücke von Christoph Reuter aus dem Südlibanon machen die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung greifbar. Die Diskussion differenziert zwischen den unterschiedlichen Akteur:innen – israelische Armee, Hisbollah, libanesische Regierung, Iran, USA – und zeigt deren wechselseitige Abhängigkeiten auf. Die innenpolitischen Dynamiken in Israel werden nachvollziehbar mit der militärischen Eskalation verknüpft, und der Verweis auf die gescheiterte Besatzung von 1982 bis 2000 liefert historische Tiefe. Journalistisch überzeugt, dass Widersprüche benannt werden, etwa dass Israels Verteidigungsminister eine Zerstörung nach „Modell Gaza“ ankündige, während man offiziell nur gegen die Hisbollah kämpfen wolle.
Die Perspektive bleibt stark auf die israelische Sicherheitslogik zentriert. Die Angst vieler Israelis vor Vernichtung wird als gegebene Realität beschrieben, nicht als politisch mobilisierte und von der Regierung „befeuert[e]“ Emotion. Dass diese Angst jede militärische Maßnahme rechtfertigen könnte, wird nicht problematisiert. Die Hisbollah erscheint primär als militärisches Problem, weniger als gesellschaftlicher Akteur mit eigener Klientelpolitik im kollabierenden libanesischen Staat. Die Stimmen der Menschen im Libanon werden durch Reuters Reportage zwar hörbar, aber ihre politischen Forderungen oder Widerstandsformen kommen nicht eigenständig zu Wort. Die Rolle europäischer oder deutscher Politik bleibt – abgesehen vom einleitenden Monolog Feldenkirchens – vollständig ausgeblendet. Die Diskussion bewegt sich in einem Rahmen, in dem Sicherheit als etwas gedacht wird, das gegen einen äußeren Feind militärisch hergestellt werden muss, nicht als etwas, das durch politische Verhandlung und regionalen Interessenausgleich entstehen könnte.
Die Episode eignet sich für Hörer:innen, die verstehen wollen, warum die Kämpfe im Libanon trotz Waffenruhe weitergehen und welche strategischen Kalküle dahinterstehen. Die Einordnung ist fachlich fundiert, setzt aber ein Grundverständnis der regionalen Akteure voraus.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine faktenreiche, aus israelischer Perspektive argumentierende Analyse des Libanon-Konflikts suchen und die geopolitische Verwobenheit mit Iran und den USA verstehen wollen.
Sprecher:innen
- Markus Feldenkirchen – Host, Autor beim Spiegel
- Christoph Reuter – Reporter beim Spiegel, berichtet seit Jahren aus dem Nahen Osten
- Richard C. Schneider – Autor und Kommentator, ehemaliger ARD-Studioleiter Tel Aviv
- Steffi Hentschke – Freie Nahostkorrespondentin, lebt in Tel Aviv