Im Zentrum dieses Gesprächs zwischen Übermedien-Redakteurin Annika Schneider und der RTL-Reporterin Angelique Geray steht die Frage, wie Journalismus die Wirklichkeit rechtsextremer Szenen sichtbar machen kann, ohne ihr eine Bühne zu bieten. Geray berichtet von ihrer monatelangen Undercover-Recherche, für die sie mit falscher Identität in Jugendgruppen eintauchte, die als selbstverständlich geltende Distanz zwischen Beobachterin und Akteurin aufhob und so eine mutmaßliche Terrorzelle auffliegen ließ.
Besonders sichtbar wird die Annahme, dass man diese Szene nur von innen heraus wirklich verstehen könne – eine Prämisse, die Gerays gesamte Arbeit strukturiert. Die Banalität des Alltags, das Biertrinken in einer Gartenlaube, wird dabei als Schlüssel präsentiert, um Radikalisierungsprozesse zu durchdringen. Gleichzeitig setzt das Gespräch voraus, dass klassische Schreibtisch-Recherchen und Reportagen von außen oft zu kurz greifen und der Einordnung entbehren.
Zentrale Punkte
- Die Banalität des rechtsextremen Alltags Geray schildere, dass die Szene nicht nur aus Gewaltbereitschaft bestehe, sondern auch „wahnsinnig banal“ sei. Die Menschen wirkten teilweise wie „ganz normale“ Personen mit alltäglichen Sorgen. Gerade dieses Zeigen der Banalität sei ihr wichtig gewesen, um die Akteure zu verstehen und nicht nur von außen zu betrachten.
- Der schmale Grat der verdeckten Arbeit Eine zentrale Herausforderung sei es gewesen, offene Fragen zu stellen, ohne die Gesprächspartner zu bestärken oder zur Akteurin zu werden. Geray beschreibe die Gratwanderung, Neugier zu signalisieren und gleichzeitig keine anstiftenden Handlungen zu begehen, als ständiges „Strategiespiel“ unter hohem Druck und der Angst aufzufliegen.
- Schutz durch Öffentlichkeit Entgegen der Erwartung, die Veröffentlichung bringe sie in größte Gefahr, beschreibe Geray ihre öffentliche Bekanntheit auch als eine Art Schutzschild. Für die Szene mache es wenig Sinn, eine prominente Journalistin anzugreifen. Sie differenziere jedoch stark und betone, dass dieser Schutz ein Privileg sei, das etwa engagierten Lehrer:innen vor Ort fehle.
Einordnung
Das Gespräch leistet eine erhellende Innenansicht der journalistischen Praxis unter Extrembedingungen. Geray schildert konkret und undramatisch die ethischen Abwägungen, Sicherheitsprotokolle und psychischen Belastungen einer Undercover-Recherche. Die Stärke liegt im Zeigen der Grautöne: Rechtsextreme sind hier nicht nur Schlagzeilen, sondern widersprüchliche Menschen, deren Motivationen nachvollziehbar gemacht werden, ohne sie zu entschuldigen.
Kritisch bleibt, dass die strukturellen Rahmenbedingungen, die diese Radikalisierung begünstigen, kaum thematisiert werden. Gerays Appell, man müsse den Leuten „zuhören“ und sie nicht „canceln“, bleibt am Ende etwas allgemein. Die Frage, ab wann Zuhören in Komplizenschaft umschlagen könnte oder wo die Grenzen des Dialogs mit Verfassungsfeinden liegen, wird zwar für den Journalismus präzise diskutiert, für die gesellschaftliche Ebene aber nicht vertieft. Der Fokus liegt auf der Rechercheleistung selbst, weniger auf einer politischen Analyse des vorgefundenen Extremismus.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen wollen, unter welchen Bedingungen investigativer Journalismus in extremen Kontexten entsteht und wie man über Rechtsextreme berichten kann, ohne ihre Propaganda zu reproduzieren.
Sprecher:innen
- Annika Schneider – Redakteurin bei Übermedien und Host des Podcasts
- Angelique Geray – Investigative Reporterin bei RTL, Undercover in der rechten Szene