In einer leidenschaftlichen Polemik entwirft der anonyme Autor dieses Newsletters eine Kampfanschrift für all jene, die sich als Verteidiger:innen der liberalen US-Demokratie verstehen. Vor dem Hintergrund eines eskalierenden Autoritarismus richtet sich der Text frontal gegen zwei Flanken: rechte "Postliberale" um Figuren wie Peter Thiel und JD Vance sowie linke "Campisten", zu denen er antiamerikanische Propagandist:innen zählt. Seine Kernthese ist, dass beide Lager – trotz gegensätzlicher Rhetorik – von derselben "Petro-AI-Rentier-Koalition" aus Tech-Milliardären und autoritären Staaten finanziert werden und gezielt das Vertrauen in die US-Verfassung zerstören wollen.
Der Autor verankert seinen Aufruf tief in der US-Geschichte. Der "mittlere Weg", den er beschreitet, sei kein fauler Zentrismus. Er sei ein historischer Pfad, der sich aus der Präambel der Verfassung ableite und das Projekt der "vollkommeneren Union" gegen ihre Feinde verteidige – von den Sklaverei-Befürwortern über die Konföderierten bis zu den heutigen Oligarchen. Diesen Weg zeichnet er als generationenübergreifende Staffelübergabe, einen mühsamen, aber heiligen Marsch, bei dem jede politische Handlung – vom Gang zur Wahlurne bis zur Spende an lokale Journalist:innen – ein Akt des Widerstands ist. "Die Mitte ist die Straße der Menschen, die das Verb 'bilden' in der Verfassung nicht aufgegeben haben."
Rhetorisch ist der Text eine Beschwörung bürgerlicher Tugenden. Er schließt mit Lincolns Worten der Versöhnung und einer fast schon spirituellen Gewissheit, dass die "besseren Engel unserer Natur" siegen werden. Die dramatische Zuspitzung gipfelt in der Behauptung, die Verteidigung der liberalen Demokratie sei identisch mit dem von Papst Leo XIV. geforderten Schutz der Menschenwürde vor der Entmenschlichung durch KI und Autokratie.
Einordnung
Der Text ist ein Musterbeispiel für hochwertige, aber bewusst einseitige Propaganda für das liberale Establishment. Der Autor analysiert scharfsinnig die Gefahr einer autoritären Querfront, blendet jedoch systematisch aus, dass die von ihm verteidigte politische Mitte ebenfalls Teil jener "Rentier-Koalition" sein könnte, die er anprangert. Die Argumentation lebt von der Pathologisierung der Ränder und einer Romantisierung eines vermeintlich unbestechlichen Verfassungskerns, wobei die materielle Ungleichheit als zentraler Antrieb der Politikverdrossenheit kaum adressiert wird. Die wiederholte Behauptung einer gemeinsamen Finanzierung beider Flanken ist zwar suggestiv, bleibt aber argumentativ etwas vage und dient vor allem dazu, die radikale Linke mit der radikalen Rechten moralisch gleichzusetzen.
Für Leser:innen, die eine geistreiche, historisch gesättigte und kämpferische Bestätigung ihrer liberalen Werte in düsteren Zeiten suchen, ist der Newsletter eine Pflichtlektüre. Wer hingegen eine ergebnisoffene Debatte über die Fehler der US-Demokratie oder Verständnis für das echte Unbehagen an vermögenden Eliten erwartet, findet hier eine Lesewarnung: Der Text ist ein geschlossenes Glaubenssystem, das die eigene Position immunisiert, indem es Kritik von außen automatisch als teuflisches Werk einer Verschwörung deutet.