Paul Krugman, Nobelpreisträger und einer der profiliertesten Wirtschaftskommentatoren der USA, reagiert auf eine Kritik von Aghion, Bergeaud und Garicano an seiner Analyse der Produktivitätslücke zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Er stellt klar, dass er europäische Produktivität nicht für falsch gemessen hält – vielmehr würden die üblichen Messgrößen falsch interpretiert. Krugman unterscheidet zwischen zwei Methoden: Die gängige Praxis vergleicht das Wachstum des inflationsbereinigten Bruttoinlandsprodukts pro Stunde innerhalb einzelner Länder. Die aussagekräftigere Alternative besteht darin, den jährlichen Wert der Produktion pro Arbeitsstunde zu Kaufkraftparitäten heranzuziehen, ohne zeitliche Preisveränderungen herauszurechnen.

Anhand niederländischer Daten illustriert Krugman die Absurdität der ersten Methode. Würde man die Produktivität zu konstanten Preisen von 2020 messen, wären die Niederlande im Jahr 2000 um 25 Prozent produktiver gewesen als die USA – ein Befund, den kaum jemand für plausibel hält. Misst man hingegen mit aktuellen Preisen und Kaufkraftbereinigung, zeigt sich seit zwei Jahrzehnten kein signifikanter Unterschied. Krugman spitzt zu: „Do you really want to claim that Dutch workers were much more productive than U.S. workers in the year 2000 because the goods they produced per hour ... would eventually be worth much more than US production at prices that didn’t prevail at the time?“

Damit ist der Kern des Missverständnisses benannt. Die USA produzieren mehr Hightech-Güter, deren Preise bei raschem Produktivitätsfortschritt fallen. Konstante-Preis-Vergleiche blenden diesen Effekt aus und erwecken den Eindruck, Europa verliere an Boden, obwohl sich die relative Wirtschaftsleistung zu Kaufkraftparitäten nicht verschlechtert. Krugman bringt dieses Paradox in ein formales Modell und betont, dass seine Kritiker es mit Daten zu widerlegen versuchen, die genau dieses Paradox bestätigen.

Vier Einwände von Aghion et al. weist er zurück: Die Unzuverlässigkeit von Kaufkraftparitäten sei nicht systematisch verzerrend. Höheres US-Produktivitätswachstum zu konstanten Preisen bestreite er gar nicht – es gehe um die richtige Frage. Der Verweis auf Preisveränderungen als Problem sei vielmehr seine eigene Erklärung für das Paradox. Und die Behauptung, die Lohn- und Gewinnlücke zugunsten der USA weite sich, sei falsch; das Faktoreinkommen wie auch Haushaltseinkommensdaten zeigen keine wachsende Kluft.

Einordnung

Krugman argumentiert aus einer dezidiert makroökonomischen Perspektive und setzt implizit voraus, dass Wohlfahrtsvergleiche an der tatsächlichen Kaufkraft ansetzen müssen – ein normatives Konzept, das die politische Debatte über Europas Rückständigkeit grundlegend verändern könnte. Ausgeblendet bleibt, dass Produktivitätskennziffern zu konstanten Preisen für andere Fragestellungen, etwa technologische Leistungsfähigkeit, durchaus nützlich sein mögen. Die Gegenseite erhält kaum Raum, da Krugman ihre Argumente als Wiederholung seiner eigenen Prämissen darstellt. Politisch steht dahinter das Interesse, das verbreitete Narrativ vom unaufhaltsamen Abstieg Europas zu entzaubern, was vor allem jenen nutzt, die auf industriepolitische Aufholjagd drängen, ohne die strukturellen Stärken des europäischen Modells zu würdigen.

Wer die oft zitierten Produktivitätsvergleiche kritisch hinterfragen möchte, findet hier eine ebenso pointierte wie klärende Lektüre. Für Ökonom:innen und interessierte Laien ist der Text lehrreich, für eingefleischte Vertreter:innen eines „EU-Abstiegs“-Narrativs hingegen eine Provokation.