Ein anonymer Autor unter dem Banner "Notes From The Circus" nutzt seine Plattform für eine ebenso leidenschaftliche wie polemische Abrechnung. Im Kern geht es um eine Kolumne des konservativen New-York-Times-Autors David French über Graham Platner, einen demokratischen Senatskandidaten aus Maine. Der Vorwurf des anonymen Autors ist fundamental: French betreibe "Laundering", also Geldwäsche im übertragenen Sinne für politische Interessen.

Konkret wirft er French vor, eine seit Monaten von einer konservativen Spenderelite über einen Umweg (eine Gruppe namens Pine Tree Results) lancierte Schmutzkampagne gegen Platner salonfähig zu machen. Diese Elite, deren Interessen mit denen von Platners republikanischer Gegnerin Susan Collins verknüpft seien, habe zwei Millionen Dollar ausgegeben, um Platner in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken. Da diese extreme Framing-Version ins Leere laufe, weil Platner "so offensichtlich kein Nazi" sei, übernehme French die subtilere Aufgabe, Platners Charakter grundsätzlich zu disqualifizieren. "French ist der Überbringer, den das Netzwerk brauchte", so der Autor lakonisch.

Frenchs Argumentation, so die Analyse, sei dabei meisterhaft in ihrer Scheinheiligkeit. Er räume zwar ein, dass Platner sich für frühere, problematische Reddit-Posts entschuldigt und ein fragwürdiges Tattoo überdecken lassen habe, dass er also Kriterien für "Erlösung" erfülle. Doch genau diesen Rahmen verweigere er dem Kandidaten dann mit dem Argument, die Demokraten würden mit Platner denselben Fehler machen wie die Republikaner mit Trump: die Standards senken, um das größere Übel zu verhindern. „Die Argumentation erfordert vom Leser, Platners biografische Aufzeichnungen in dieselbe moralisch-politische Kategorie wie Trump einzuordnen", kritisiert der Autor. Dies gelinge nur, indem man all die mildernden Umstände, die French selbst nannte, wieder ausblende.

Die angeblichen Charakterstandards, die French hier anlege (gelöschte Internet-Posts, alte Tattoos, frühere politische Selbstbezeichnungen), seien zudem reine Willkür. Hielte man konservative Veteranen oder Politiker an denselben Maßstäben, wären viele von ihnen untragbar. Die Standards seien daher keine universellen Prinzipien, sondern eine "kuratierte Reihe von Disqualifikationen", maßgeschneidert für diesen einen Kandidaten, in diesem einen Rennen, gegen diese eine Gegnerin – bezahlt von diesem einen Spendernetzwerk.

Der Autor argumentiert weiter, dass French und die gesamte liberale Kommentariatsschicht einer Selbsttäuschung unterliegen. Sie hielten sich für eine meritokratische Elite, die die "amerikanische Aufklärungstradition" verteidige. In Wahrheit aber verteidigten sie eine geschlossene Leiter des sozialen Aufstiegs und ein aristokratisch-oligarchisches System. Echte Aufklärung bedeute, dem Volk die Selbstregierung zuzutrauen, nicht, es vor "falschen" Kandidaten zu "beschützen". "Unter dem Kostüm stecken Aristokratie und Oligarchie", so das scharfe Verdikt.

Die Philippika endet in einer donnernden persönlichen Wahlempfehlung. Der Autor beschreibt Platner, einen Kriegsveteranen und Kleinunternehmer, der Kapital höher besteuern will, als fast idealen Kandidaten und ruft aus: "So f***t euch alle, und verdammt die Torpedos, ich unterstütze Graham Platner".

Einordnung

Der anonyme Autor von "Notes From The Circus" positioniert sich selbst als Teil der liberalen Aufklärungstradition, agiert aber aus einer sprachlich und inhaltlich hochgradig parteiischen Haltung. Das Framing ist schlicht: Ein gutes "Volk" gegen eine korrupte, aristokratische "Elite". Ausgeblendet wird, dass Frenchs Bedenken hinsichtlich der Normalisierung fragwürdiger Kandidat:innen jenseits von materiellen Interessen auch auf einer ehrlichen Sorge um liberale Normen beruhen könnten. Die Motive der Gegenseite werden pauschal als bewusste Täuschung, Selbstbetrug oder Käuflichkeit pathologisiert, eine argumentative Schwäche, die den Text trotz seiner Kraft eindimensional macht. Die Arbeit des Autors, der selbst kaum Quellen für die angebliche Spender-Verschwörung nennt, sondern sie als gegeben voraussetzt, ist eine Stilübung in Populismus von links – inklusive eines abschließenden, heroisch-großspurigen "trotz alledem".

Gesellschaftlich ist der Text relevant, weil er einen tiefen Graben innerhalb des amerikanischen Liberalismus illustriert: den Konflikt zwischen einem institutionentreuen, oft als neoliberal empfundenen Flügel und einer radikaleren, kapitalismuskritischen Basis. Lesenswert ist der Newsletter für alle, die eine rhetorical brillante, selbstbewusste Verteidigung eines linken Außenseiterkandidaten suchen und dabei eine strukturelle Elitekritik spannend finden. Eine Lesewarnung gilt für diejenigen, die eine abgewogene Abwägung von Frenchs Argumenten oder eine Differenzierung zwischen den verschiedenen konservativen Positionen erwarten. Hier wird nicht analysiert, hier wird ein Angriffskrieg geführt.