Kaum ein Glaubenssatz ist so tief mit Scham und der Angst vor Ablehnung verbunden wie die Überzeugung, anderen zur Last zu fallen. In dieser Episode gehen die Psychotherapeutin Stefanie Stahl und der Psychologe Lukas Klaschinski dem Gefühl des „Zuvielseins“ auf den Grund. Anhand zweier Hörer:innen-Fragen – eine Frau, die sich selbst bei alltäglichen Dingen entschuldigt, und ein Mann, der nach Mobbing-Erfahrungen kaum noch soziale Nähe wagt – wird ein therapeutisches Narrativ entfaltet. Dabei setzen beide vor allem auf das Erklärungsmodell biografischer Prägung: Glaubenssätze seien demnach kindliche Schlussfolgerungen, die in einem schwierigen familiären Umfeld zunächst Schutz böten, später aber zu Beziehungsmustern führten, die Isolation und Selbstzurücknahme zementierten. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass diese Dynamiken vor allem durch individuelle Reflexionsarbeit und das Einüben neuer Verhaltensweisen durchbrochen werden könnten.

Die Argumentation stützt sich maßgeblich auf die Konzepte der „Selbstschutzstrategien“ und der „inneren Loyalität zum Elternhaus“. Beide Gastgeber:innen teilen eigene biografische Erfahrungen, um die psychologischen Mechanismen zu veranschaulichen. So schildert Klaschinski, wie seine Großmutter mit 89 Jahren noch immer durch unermüdliches Helfen kompensiere, was Stahl als „Zementierung des Glaubenssystems“ einordne. Auch die zwei Hörer:innen-Fragen werden entlang dieser Logik gedeutet: Die alkoholkranke Mutter der Schreiberin Sarah habe zu einer tief verwurzelten „Loyalität“ geführt, während die Mobbing-Erfahrungen des Schreibers Johannes durch das Konzept der „Vulnerabilität“ gerahmt würden.

Zentrale Punkte

  • Glaubenssätze als kindliche Schutzstrategie Der Glaubenssatz, eine Belastung zu sein, entstehe meist früh in der Kindheit, wenn Bezugspersonen überfordert oder emotional abwesend seien. Das Kind interpretiere diese Situationen egozentrisch („ich bin der Fehler“) und entwickle daraus ein vermeintlich kontrollierbares System: Durch Anpassung, Rückzug oder Leistung könne es die Nähe zu den Eltern sichern und Schamgefühle vermeiden.
  • Loyalität als Veränderungsblockade Erwachsene könnten sich oft nicht von alten Glaubenssätzen lösen, weil ein kindlicher Anteil in ihnen weiterhin loyal zu den Eltern stehe, selbst wenn diese vernachlässigend oder übergriffig waren. Erst das Zulassen von Wut – eine „Trennungsaggression“ – und das damit verbundene Eingeständnis, dass die Eltern versagt hätten, ermögliche eine emotionale Loslösung und die Neuausrichtung des Selbstbildes.
  • Der Sokratische Dialog als Methode Um die Absolutheit eines Glaubenssatzes zu erschüttern, wird die Technik des Sokratischen Dialogs vorgestellt: Betroffene könnten den Gedanken „Ich bin eine Belastung“ systematisch hinterfragen, indem sie konkrete Belege für und gegen diese Annahme sammeln oder sich fragen, was sie einer guten Freundin in derselben Situation raten würden. Diese kognitive Distanzierung könne helfen, die alte Überzeugung als bloße Interpretation statt als Tatsache zu erkennen.
  • Positive Erfahrung statt sozialer Rückzug Als zentraler Veränderungsschritt wird empfohlen, bewusst neue Verhaltensweisen auszuprobieren, etwa Hilfe anzunehmen oder im Improtheater spielerisch mit Ablehnungsängsten umzugehen. Dadurch würden alte neuronale Muster überschrieben und die Erfahrung ermöglicht, dass das Einnehmen von Raum Beziehungen nicht zerstöre, sondern echte Verbindung überhaupt erst ermögliche.

Einordnung

Die Episode leistet insofern etwas Bemerkenswertes, als sie ein komplexes psychologisches Konzept niedrigschwellig und mit spürbarem Einfühlungsvermögen vermittelt. Die Stärke liegt in der klaren, bildhaften Sprache und dem geschickten Einsatz biografischer Anekdoten, die das theoretische Modell der Glaubenssätze erfahrbar machen. Besonders der Sokratische Dialog wird als praktikable Übung nachvollziehbar eingeführt. Auch der Hinweis auf die Funktion von Wut als Motor für Abgrenzung bietet einen differenzierten Blick, der über vereinfachende Vergebungsappelle hinausgeht. Die beiden Hörer:innen-Fragen werden ernst genommen und in ihrer Tragweite validiert, was dem Anspruch des Formats, eine Brücke zwischen Therapie und Alltag zu schlagen, gerecht wird.

Allerdings bleibt die Argumentation eng innerhalb des individualtherapeutischen Rahmens. Strukturelle Faktoren – etwa Klasse, Geschlecht oder die Frage, warum bestimmte Formen von Care-Arbeit fast ausschließlich von Frauen kompensiert werden – werden nicht thematisiert, obwohl Klaschinski selbst das generationsübergreifende Muster in seiner Familie anspricht. Die Leistungs- und Anpassungslogik, die solchen Glaubenssätzen zugrunde liegt, wird nicht gesellschaftlich rückgebunden, sondern vor allem als innere Fehlhaltung verhandelt. Zudem irritiert die einleitende Selbstbezeichnung als Podcast für „alle normal Gestörten“: Durch diesen spielerischen Pathologisierungsbegriff wird eine Norm gesetzt, die im Widerspruch zum ansonsten entstigmatisierenden Ton der Folge steht.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum sich das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, oft so hartnäckig hält – und die bereit sind, sich auf eine geführte Reflexion der eigenen Kindheitsprägungen einzulassen.

Sprecher:innen

  • Stefanie Stahl – Psychologische Psychotherapeutin und Bestsellerautorin („Das Kind in dir muss Heimat finden“)
  • Lukas Klaschinski – Psychologe, Podcaster und Moderator („So bin ich eben“, „Jakobsweg“)