In dieser Episode nehmen sich Rory Stewart und Alastair Campbell die bröckelnde "special relationship" zwischen Großbritannien und den USA vor. Anlass ist der Staatsbesuch von König Charles in Washington. Die Moderatoren befürchten, dass dieser Besuch die wachsende strategische Unberechenbarkeit der USA unter Trump nur oberflächlich überdecken könnte und Großbritannien sich in einer gefährlichen Abhängigkeit befinde, die mit einer missbräuchlichen Ehe verglichen wird: Man werde gedemütigt, könne es sich aber nicht leisten zu gehen.

Ein zweiter großer Block widmet sich einem viel diskutierten Interview, das die beiden mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić geführt haben. Hier reflektieren sie den Vorwurf, einem Autokraten eine Plattform geboten zu haben, und entfalten eine Diskussion über journalistische Verantwortung in einer polarisierten Welt. Das Gespräch mündet in die grundsätzliche Frage, wie Europa mit der Korruption und dem politischen Einfluss umgehen soll, die das Trump-nahe Netzwerk vor allem auf dem Balkan und in den Golfstaaten entfaltet.

Zentrale Punkte

  • Eine Abhängigkeit ohne Ausweg Großbritanniens Sicherheit, von der nuklearen Abschreckung bis zur Künstlichen Intelligenz, sei nach 80 Jahren fast vollständig von den USA abhängig gemacht worden. Trumps Politik zerstöre nun das notwendige Vertrauen, doch ein Ausstieg aus dieser asymmetrischen Beziehung sei für das Land extrem riskant, teuer und kompliziert.
  • Trump als Herrscher eines Hofstaats Trumps Art, Politik zu machen, lasse sich besser durch den Blick auf mittelalterliche Monarchen verstehen als durch moderne Analyse. Er umgebe sich mit Schmeichlern, regiere nach dem Prinzip "Wer bietet mir was?", und sehe Geschichte als bloße Vorbereitung auf seine eigene Ankunft. Dem habe auch das britische Königshaus wenig entgegenzusetzen.
  • Das Dilemma des Vučić-Interviews Die Moderatoren rechtfertigen ihren Interviewstil, der auf Zuhören statt konfrontativer "Gotcha"-Momente setzte. Sie räumen ein, von Vučićs Propaganda-Apparat vereinnahmt worden zu sein, argumentieren aber, es sei wichtiger, einem mächtigen Akteur zuzuhören und das Publikum selbst urteilen zu lassen, als ihn nur vorzuführen.
  • Die Ausbreitung von Trumps Geschäftsmodell Auf dem Balkan, etwa in der Republika Srpska, sei ein System der offenen Korruption im Stil der Golfstaaten zu beobachten. Trump-nahe Geschäftsleute erhielten milliardenschwere Verträge für Gasleitungen oder Minenrechte. Im Gegenzug fielen Sanktionen, oder es winkten Treffen – ein Modell, das mittlerweile auch in Washington Einzug gehalten habe.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in ihrer schonungslosen Bestandsaufnahme britisch-europäischer Abhängigkeiten, die über die übliche politische Rhetorik weit hinausgeht. Besonders wertvoll ist die selbstkritische Aufarbeitung des Vučić-Interviews. Stewart und Campbell reflektieren dort offen die Grenzen ihrer eigenen Rolle, wenn die Präsenz westlicher Journalisten von autoritären Regimen sofort propagandistisch verwertet wird. Das ist eine notwendige und seltene Debatte über journalistische Ethik in Echtzeit.

In der Analyse fehlt jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Perspektiven derjenigen, die die transatlantische Bindung für robuster halten oder den Bilateralismus der osteuropäischen Staaten als erfolgreiche Strategie sehen. Die Darstellung, dass man „nichts zu bieten“ habe, übersieht den realen Wert des britischen Marktes und Geheimdienst-Know-hows. Zudem wird die europäische Alternativstrategie, insbesondere eine vollständige Rückkehr Großbritanniens in die EU, trotz ihrer immensen politischen Kosten als alternativlos präsentiert, ohne die dadurch entstehenden neuen Abhängigkeiten oder demokratischen Hürden ausreichend zu problematisieren. Die Erklärung von Trumps Verhalten über historische Monarchen-Parallelen ist zwar einprägsam, verleiht seiner zerstörerischen Politik aber fast etwas Schicksalhaft-Mittelalterliches und verdeckt das sehr moderne, plutokratische Geschäftsmodell dahinter. Dieses Geschäftsmodell wird von Stewart am Balkan sehr präzise freigelegt, eine Übertragung dieser Analyse auf die britischen Optionen bleibt der Podcast aber schuldig.

Hörempfehlung: Eine intellektuell anregende Episode für alle, die verstehen wollen, wie tief die Verflechtungen mit den USA reichen und vor welchen strategischen Zerreißproben das Vereinigte Königreich und Europa jetzt stehen.

Sprecher:innen

  • Alastair Campbell – Ehemaliger Kommunikationsdirektor von Premierminister Tony Blair
  • Rory Stewart – Ehemaliger Minister für internationale Entwicklung und Diplomat auf dem Balkan