Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel spricht mit Chris O'Falt über ihren ersten Dokumentarfilm "Nuestra Tierra". Der Film verfolgt den langwierigen Prozess um den Mord an Javier Chocobar, einem Mitglied einer indigenen Gemeinschaft, der 2009 bei der Verteidigung seines Landes erschossen wurde. Martel und ihr Dolmetscher Cordelia Montes beschreiben den Film nicht als eine Suche nach einer klaren Wahrheit, sondern als einen Versuch, die Zuschauer:innen in die verwirrende Komplexität von Landbesitz, Kolonialgeschichte und bürokratischer Gewalt hineinzuziehen. Das Gespräch bewegt sich um die Frage, wie die Sprache des Kinos – mit ihrer Macht, Perspektiven in Konflikt zu bringen und körperliche Zustände wie Schmerz spürbar zu machen – ein Gegengift zu den einfachen Auflösungen sein könne, die sowohl Gerichtssäle als auch schlechte Dokumentarfilme anbieten. Eine selbstverständliche Annahme des Gesprächs ist, dass sich der Wert von Kino an seiner Fähigkeit bemisst, vorherrschende Wahrnehmungsmuster zu verunsichern und kollektive, verdrängte Erfahrungen zu bergen.
Zentrale Punkte
- Bürokratie als Enteignungsmaschine Die unzähligen, ergebnislosen Verfahren, in die indigene Gemeinschaften gezwungen würden, seien kein Systemversagen, sondern eine bewusste Strategie der Staaten, um Energie zu binden, Beschwerden verschwinden zu lassen und Menschen von ihrem Land zu trennen, ohne dass eine formelle Lösung nötig sei.
- Der Prozess als Theater der Macht Martel sei verblüfft gewesen, wie sehr ein Strafprozess einem avantgardistischen Theater gleiche, wo Anwälte "Tugend und Empörung übertrieben darstellten" und Angeklagte Unschuld performen müssten – eine Zurschaustellung, die das eigentliche Funktionieren von Justiz in ihrer eigenen Sprache und Dramaturgie enthülle.
- Vertrauen als zerbrochene Brücke Die jahrelange Entstehung des Films erkläre sich auch aus dem tief zerstörten Vertrauen zwischen der weißen, städtischen Bevölkerung und den indigenen Gemeinschaften; diese Kluft zu überbrücken habe für die Filmemacherin eine persönliche Überwindung bedeutet, da sie sich nicht als natürliche "Geschichtensammlerin" in fremden Häusern sehe.
- Drohnenblick umgewidmet Eine Drohne, ursprünglich ein militärisches Instrument der Kontrolle, habe Martel genutzt, um das umkämpfte Territorium in seiner Schönheit und die zerstreuten Behausungen der Gemeinschaft sichtbar zu machen, gelenkt nicht von Karten, sondern von den Erzählungen der Bewohner:innen.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der differenzierten Darstellung eines künstlerischen Ansatzes, der sich weigert, politische Unterdrückung in eingängige Formeln zu übersetzen. Martel beschreibt präzise, wie ihr Film die Zuschauer:innen nicht belehrt, sondern in einen Zustand der Desorientierung versetzt, um so die koloniale Ordnung der Dinge selbst erfahrbar zu machen. Die langen Ausführungen über das Filmemachen als eine Art Langzeitarchiv für die Gemeinschaft und über die sensible Ethik des Zugangs zu verletzlichen Menschen zeigen eine radikale Ernsthaftigkeit, die in der oft marktkonformen Filmberichterstattung selten ist.
Kritisch anzumerken ist, dass O'Falt in seiner enthusiastischen Einführung Martels Position als eine der "größten lebenden Filmemacherinnen" sakralisiert, ohne die strukturellen Gründe zu reflektieren, warum eine solche Meisterschaft so "überraschend" sei oder übersehen werde. Es wird kaum hinterfragt, wessen cinephilem Blick die raffinierteste Form gilt, während der marginalisierten Gemeinschaft primär die Archivfunktion zukommt. Die Einordnung des neuen Autoritarismus als ein "Fallen der Maske", das keine moralische Rechtfertigung mehr brauche, bleibt eine steile kulturpessimistische These, die die komplexen ideologischen Legitimationsstrategien aktueller rechter Bewegungen eher verdeckt als erhellt.
Hörempfehlung: Empfehlenswert für alle, die verstehen wollen, wie dokumentarische Form und politische Kritik jenseits von Betroffenheitsformeln zusammengedacht werden können.
Sprecher:innen
- Chris O'Falt – Host, IndieWire
- Lucrecia Martel – Filmemacherin, Argentinien
- Cordelia Montes – Dolmetscherin, Linguistic Justice Advocate