Das Gespräch dreht sich um Philip Manows neues Buch „Spaltungslinien“, das den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und die Krise der Nationalstaaten erklären will. Manow behaupte, dass die klassische Links-Rechts-Achse ihre Erklärungskraft verloren habe und durch eine neue Konfliktachse zwischen Öffnung (pro Globalisierung, pro EU) und Schließung (nationalstaatlich, illiberal) überlagert werde. Die beiden Sprecher diskutieren, ob diese These die politische Gegenwart tatsächlich schlüssiger ordnet oder ob sie alte Widersprüche nur in ein neues Schema verschiebt. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass es eine fundamentale Krise des politischen Systems gibt und dass der ökonomische Nationalstaat als Ordnungsrahmen an Bedeutung verloren hat.
Zentrale Punkte
- Neue Konfliktachse Öffnung-Schließung Manow argumentiere, dass sich der politische Raum nicht mehr nach klassischen Verteilungskonflikten ordne, sondern entlang der Haltung zu Globalisierung und Europäisierung neu sortiere – liberal-internationalistische Positionen stünden nun gegen illiberal-nationale.
- Auflösung alter Spaltungslinien Die überkommenen Konfliktlinien zwischen Kapital und Arbeit oder Kirche und Staat lösten sich durch die „Dekonsolidierung des Nationalstaats“ weitgehend auf und gingen vollständig in der neuen Öffnungs-Schließungs-Achse auf, was die Sprecher unterschiedlich plausibel finden.
- Rechtspopulismus als Spiegelbild Rechtspopulistische Parteien seien nicht einfach nur „rechts“, sondern bildeten spiegelbildlich den Gegenpol zu den pro-europäischen, globalisierungsfreundlichen Mitte-Parteien – sie positionierten sich daher auch wirtschaftspolitisch illiberal, was einer der Sprecher vehement bestreitet.
Einordnung
Die Episode leistet eine komplexe und für politisch interessierte Hörer:innen lohnende Auseinandersetzung mit einem einflussreichen Theorieangebot. Stärke ist die geduldige Zerlegung von Manows Argument in Einzelteile: Die Sprecher würdigen seine Beobachtung, dass EU-Konflikte quer zur traditionellen Lagerbildung liegen, und Nils betont produktiv Manows Methode, politische Begriffe selbst zu historisieren und zu hinterfragen. Durch das gegenseitige Abwägen – Nils findet vieles plausibel, Sebastian bleibt skeptisch – entsteht eine nachvollziehbare intellektuelle Bewegung, die dem Buch sowohl gerecht wird als auch offene Flanken benennt.
Kritisch bleibt, dass die Episode stärker die empirische Schwäche von Manows Rechtsruck-These hätte ausleuchten können, anstatt sie nur zu benennen. Die Diskussion bleibt stark auf Manows Eigenlogik bezogen; wirtschaftspolitische Alternativen zur von ihm beschriebenen Globalisierung werden eher angerissen als konkretisiert. Zudem wird die normative Dimension nicht voll entfaltet: Dass Manow das Label „populistisch“ übernimmt und die illiberale Seite fast spiegelbildlich konstruiert, wird erwähnt, aber nicht grundsätzlich problematisiert. Gut ist, dass das Gespräch die unterschiedliche Nähe der beiden Sprecher zu Manow transparent macht und so die eigene Perspektivität mitreflektiert.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, worum es in der politikwissenschaftlichen Debatte um neue politische Bruchlinien eigentlich geht, und die Lust auf eine anspruchsvolle, aber zugängliche Theoriediskussion haben.
Sprecher:innen
- Nils – Co-Host von „Über Rechts“, stärker an Manows Thesen interessiert
- Sebastian – Co-Host von „Über Rechts“, skeptischer gegenüber Manows Argumentation