Der Newsletter beleuchtet ein folgenreiches Detail im deutschen Energieeffizienzgesetz: Rechenzentren müssen ihren Strom bis 2027 vollständig aus erneuerbaren Quellen beziehen – aber nur „auf dem Papier“. Möglich macht das der Handel mit sogenannten Herkunftszertifikaten (Guarantees of Origin, GoO). Unternehmen, die Ökostrom produzieren, verkaufen diese Zertifikate an Betreiber:innen, die dann ihren fossilen Stromverbrauch damit grün rechnen können. Ein:e Energiehändler:in vergleicht das trocken mit CO₂-Kompensationszertifikaten – „und das war nicht positiv gemeint“.

Das System schafft eine Scheinwelt: Isländische Versorger exportierten GoOs, während die heimische Industrie weiter ihre Geothermie- und Wasserkraftnutzung als grün deklarierte – ein doppelter Betrug, der zum zeitweiligen Exportverbot für Island führte. Der Preis für ein Zertifikat über eine Megawattstunde liegt bei nur einem Euro, und eine Dissertation von 2022 belegt, dass GoOs den Ausbau erneuerbarer Energien in der EU nicht vorangetrieben haben.

Besonders brisant wird der virtuelle Ökostrom, weil der Datencenter-Boom in Deutschland parallel neue fossile Gaskraftwerke befeuert. AlgorithmWatch und Global Energy Monitor decken auf: Jedes zehnte neue Gasprojekt entsteht für ein Rechenzentrum. Betreiber wie CyrusOne und GreenMountain suggerieren dennoch, sie würden bereits mit 100 Prozent erneuerbarem Strom arbeiten. Auf Nachfrage reagierten die Unternehmen nicht. Der Newsletter konstatiert: „Rechenzentren wie diese können als ‚grün‘ gelten, während sie mit fossilem Brennstoff betrieben werden, der in der Nachbarschaft verbrannt wird.“ Als Lösung schlägt AlgorithmWatch vor, die Bilanzierung zu beenden und stattdessen auf direkt bezogenen, zusätzlich erzeugten und quartalsweise abgerechneten Ökostrom per Power Purchase Agreements zu setzen. Die laufende Gesetzesrevision böte die Chance, das entscheidende „on balance“ aus dem Paragrafen zu streichen.

Einordnung

Der Text argumentiert nicht neutral, sondern offensiv-kritisch aus der Perspektive einer NGO, die Transparenz in automatisierten Systemen anmahnt. Die einseitige Fokussierung auf Marktversagen und Greenwashing wirkt schlüssig, blendet aber pragmatische Gegenargumente wie Versorgungssicherheit oder Kostenfolgen einer strengen Regelung aus. Die Prämisse, dass nur physisch nachvollziehbarer Grünstrom legitim sei, ist normativ und wird nicht weiter begründet. Interessant ist die implizite Annahme, dass der Marktmechanismus per se unzureichend sei – eine Position, die staatliche Intervention stärkt und dem neoliberalen Glauben an Zertifikatmärkte entgegensteht. Der Newsletter ist lesenswert für alle, die verstehen wollen, wie politisch-juristische Formulierungen den Unterschied zwischen realer Energiewende und geschicktem Greenwashing machen können. Er bietet eine pointierte, aber stark interessengeleitete Momentaufnahme.