Kontext: Halla Harðardóttir führt durch die knapp 53-minütige Isländisch-sprachige Kultur-Sendung „Víðsjá“, die sich an Kunst- und Kulturinteressierte richtet. Zu Gast ist die Tänzerin und Choreographin Rósa Ómarsdóttir, die über ihre Karriere vom Kinderballett bis zum avantgardistischen Tanzschaffen erzählt.

Hauptthema: Die Sendung wirft „ein Schlaglicht auf das, was gerade in der Kunstszene passiert“; konkret geht es um Ómarsdóttirs Weg, künstlerische Praxis und ihr neues Stück „Sérstæðan“.

1. Vom klassischen Ballett zur experimentellen Bewegung

Rósa Ómarsdóttir erzählt, dass sie mit sieben Jahren in Reykjavík Ballett begann, als Teenager jedoch das feste Formsystem ablehnte. Erst ein zeitgenössischer Tanzkurs im Alter von 17 Jahren weckte ihre Leidenschaft neu: „Ich wollte etwas erschaffen und empfand das klassische Training als nicht kreativ genug.“

2. „Second Hand Knowledge“ – Tanz als soziales Forschungsprojekt

In ihrem Langzeitprojekt bereiste sie Länder mit eingeschränkter oder verbotener Tanzkultur (u. a. Iran, Kairo). Sie führte Interviews, schrieb daraus anonyme „Biografien des Tänzers“ und inszenierte choreographierte Lesungen. Die Erfahrung, dass Tänzer:innen im Iran ins Gefängnis kommen, prägte ihre Sicht auf künstlerische Freiheit.

3. Posthumanistische Ästhetik ohne menschlichen Körper

Ihr bevorstehendes Stück „Sérstæðan“ entwirft eine Zukunft nach der „technological singularity“, in der Körper überflüssig wurden. Statt Tänzer:innen stehen Elemente wie Wasser, Stein, Licht und Klang als „akteurische“ Partner auf der Bühne; es wird durchgehend gesungen und klingt eher wie ein konzeptuelles Hörspiel.

4. Feministische Dramaturgie und landschaftsorientierte Choreographie

Ómarsdóttir integriert feministische Dramaturgie, etwa durch offene Handlungsbögen und gleichberechtigte Blickwinkel. Inspiriert von Gertrude Stein und Landschaftsdramaturgie gestaltet sie Verke, in denen sich Publikum frei bewegen kann und seine eigene Geschichte zusammensetzt: „Jede:r Zuschauer:in erfindet ihre/seine persönliche Version des Stücks.“

5. Theorie und Praxis verschmelzen im Studio

Ein Forschungsstipendium erlaubte ihr ein Jahr lang Theoriearbeit. Philosophische Texte (Posthumanismus, New Materialism) fließen direkt in die Bewegungsimprovisation ein: „Ich lese, höre Vorträge und versuche, neue Gedanken sofort körperlich zu testen – ohne vorher ein festes Konzept zu Papier zu bringen.“

Einordnung

Die Sendung arbeitet mit offensichtlichem Anspruch an kulturelle Aufklärung, bleibt aber ein klassisches Porträtformat: Die Moderatorin stellt biographische Stationen chronologisch vor und lässt ihrer Gesprächspartnerin viel Raum für Anekdoten. Kritische oder widersprüchliche Fragen fehlen – weder wird die Finanzierungsrealität freier Tanzproduktion hinterfragt, noch werden die eurozentrischen Rahmenbedingungen des „Parts“-Studiums problematisiert. Die politische Brisanz der Iran-Reise („Leute wurden wegen Tanz eingesperrt“) wird benannt, aber nicht kontextualisiert oder auf mögliche westliche Machtstrukturen hin untersucht. Dafür gelingt es Halla Harðardóttir, die oft abstrakte Arbeit Ómarsdóttirs greifbar zu machen, indem sie nach konkreten Alltagsmetaphern („Wie fühlte sich Dein erster Bühnenauftritt?“) fragt. Insgesamt ein unterhaltsames, kenntnisreiches Gespräch, das die Grenzen zwischen Ballett, Performance und bildender Kunst plausibel aufzeigt, aber keine kontroversen Debatten oder Perspektiven jenseits der weißen europäischen Tanzszene einlädt.

Hörempfehlung: Wer sich für zeitgenössischen Tanz, posthumanistische Ästhetik oder künstlerische Selbstfinanzierung in Europa interessiert, erhält hier einen einfühlsamen Einblick – kritische Begleitfragen muss man sich allerdings selbst stellen.