Detaillierte Kernpunkte und Analyse auf Deutsch
Diedrich Diederichsen, Kulturwissenschaftler und Kritiker, betrachtet in seinem Vortragstext das deutsche Feuilleton als einen spezifischen, fast musealen Raum der BRD-Intellektualität. Für ihn war das Feuilleton lange ein „Garten“ oder „Gewächshaus“, in dem Schöngeistige mit einer gewissen Weltfremdheit über Ästhetik räsonieren durften – erkauft durch die Abhängigkeit von einer klar definierten politischen Linie des jeweiligen Blattes. Diese Idylle zerbrach nach dem Ende der alten BRD. Diederichsen zeichnet nach, wie der „organisierte Weltfremdheit“ die Forderung nach Gegenwartsbezug folgte, Ironie und Pop-Diskurse Einzug hielten und schließlich eine neue, dreifache Transformation einsetzte: die Dominanz digitaler Partizipationslogiken, ein „Schrumpfstrukturalismus“, der nur noch rhetorische Figuren statt Inhalte kritisiert, und eine wachsende Staatsnähe, die mittels „Labelling“ und juristisch gedachter Bedeutungsfixierung Debatten reguliert – etwa zu Gaza oder BDS. Dies sei keine klassische Zensur, sondern eine „interessierte Diskursverknappung“.
Das Besondere an Diederichsens Text ist eine schematische Gegenüberstellung der alten und neuen „Polit-Matrix“. In der alten BRD teilten Mitte, Linke und Rechte die Prämisse eines hegemonialen Westens und deutscher Verstrickung, unterschieden sich aber in der Bewertung. In der neuen Matrix hingegen habe sich die Mitte/antideutsche Position zur Vorstellung eines „hegemonialen antiliberalen Anti-Westens“ verschoben, dessen Opfer die aufgeklärten Deutschen bald würden – mit der Konsequenz von Militarisierung und Disziplinierung. Links/dekoloniale Akteur:innen sähen sich dagegen als Opfer eines faschistoiden Westens, während die Rechte das Bild eines „dekadenten, muslimisch-queeren Westens“ pflege.
Im zweiten Beitrag argumentiert der Historiker A. Dirk Moses gegen die Vereinnahmung Theodor W. Adornos für die deutsche Staatsräson. Ausgehend von Adornos Diktum, die erste Forderung jeder Erziehung sei, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, kritisiert Moses, dass die Formel „Nie wieder ist jetzt“ zur Legitimation der israelischen Kriegsführung in Gaza instrumentalisiert werde. Er verweist auf Umfragen, wonach 69 Prozent der Deutschen eine Außenpolitik an Menschenrechten und Völkerrecht orientieren wollen und nur zehn Prozent die Merkel‘sche Staatsräson vollends bejahen. Die Eliten entfernten sich damit vom Bevölkerungsmehr. Moses betont, Adorno habe „Barbarei“ nicht nur im Holocaust, sondern auch in Hiroshima und Vietnam gesehen; eine Erziehung nach Auschwitz müsse daher auf „kritische Reflexion“ und Widerstand gegen jede Form autoritärer Staatsfixierung zielen. Die einseitige Fixierung auf Antisemitismus und die Dämonisierung von Palästinenser:innen und Migrant:innen nähre ein neues, rechts-affines autoritäres Potential.
Einordnung
Beide Texte, verfasst von exponierten Intellektuellen für das Symposium „Rise & Fall of the BRD“, operieren aus einer dezidiert linksliberalen bis linken Perspektive. Sie blenden die sicherheitspolitische Logik, aus der Staatsräson argumentiert, weitgehend aus und stellen die Bundesrepublik als einen Ort dar, an dem die Sphären von Kultur, Wissenschaft und öffentlicher Rede zunehmend illiberal reguliert werden. Die Annahme, die Mehrheit der Deutschen lehne die Regierungspolitik ab und denke „komplexer“ als ihre Journalist:innen, hat eine entlastende Funktion: Sie insinuiert eine schweigende, eigentlich aufgeklärte Mehrheit, auf die man sich berufen könne. Gleichzeitig werden migrationsfeindliche und autoritäre Einstellungen primär bei AfD-Wähler:innen und mitte-rechts-Medien verortet – eine Zuspitzung, die der Komplexität gesellschaftlicher Einstellungen kaum gerecht wird.
Die Texte sind ein wertvolles Zeitdokument für Leser:innen, die verstehen wollen, wie sich der intellektuelle Widerstand gegen die deutsche Israelsolidarität und die als Diskursverengung empfundene Erinnerungskultur formiert. Sie bieten scharfsinnige Kartografien des kulturell-politischen Raums, neigen aber zu einer binären Gegenüberstellung von „autoritärem Staat“ und „freiheitlichem Denken“. Wer eine differenzierte Verteidigung der Staatsräson sucht, wird hier nicht fündig. Wer hingegen die Argumente ihrer Kritiker:innen kennenlernen möchte, findet zwei dichte, zitierfähige Grundlagentexte.