Einleitung

Es klingt nach einer einfachen Wahrheit, ist aber im Finanzalltag eine radikale Position: Geld ist niemals neutral, sondern gestaltet die Welt – ob wir wollen oder nicht. Maja Göpel spricht mit Silke Stremlau, einer der prägendsten Stimmen für nachhaltige Finanzmärkte in Deutschland, darüber, warum jede Rendite auf Kosten anderer Werte gehen kann. Im Kern steht die Frage, wie politisch die Kriterien für „gute“ Geldanlagen sind und welche Macht Banken, Versicherungen und Fonds haben, den Strukturwandel zu gestalten – oder zu blockieren. Stremlau schlägt immer wieder die Brücke zwischen dem Innenleben der Finanzbranche und der Verantwortung von Investor:innen, die langfristig denken. Sie setzt voraus, dass Transparenz und gemeinsame Spielregeln die einzigen Wege sind, um die Wirtschaft klima- und sozialverträglich umzubauen. Genau diese Regeln seien derzeit allerdings von einer massiven Anti-Regulierungs-Lobby bedroht.

Zentrale Punkte

  • Geld als nicht-neutraler Hebel Anders als der Marktglaube suggeriere, entscheide jede Investition darüber, welche Technologien und Geschäftsmodelle wachsen, und sei daher immer ein politischer Akt. Finanzakteure hätten eine immense Gestaltungsmacht, die sie verantwortlich für gesellschaftliche Folgen mache, statt neutral nur auf Rendite und Risiko zu schauen.
  • Die Co-Option grüner Regeln Die EU-Taxonomie sei ausgehöhlt worden, weil Frankreich Atomkraft und Deutschland Gas als nachhaltig einstufen ließ – es sei nicht möglich gewesen, schädliche Aktivitäten klar auszuschließen. Ebenso hätten die Rüstungs- und Automobillobby versucht, über Finanzmarktgesetze ihre Geschäftsmodelle gegen den Wandel zu schützen.
  • Strukturkonservatismus als Risiko Während fossile Geschäftsmodelle zunehmend als Kreditrisiko sichtbar würden, versuchten beharrende Branchen, die Preis- und Datensignale des Marktes – etwa steigende CO₂-Preise – als Bürokratieproblem zu diskreditieren. Dies untergrabe die Planbarkeit für zukunftsfähige Unternehmen.
  • Langfristigkeit für alle öffnen Es brauche Instrumente wie ein steuerbegünstigtes „Klimasparn“, um die Milliarden auf Tagesgeldkonten direkt für grüne Infrastrukturprojekte zu aktivieren. So könnten Bürger:innen an der Transformation mitverdienen, statt die Finanzierung externen Rendite-Investoren zu überlassen.

Einordnung

Das Gespräch ist eine aufschlussreiche Innensicht auf das Machtgerangel hinter den Kulissen nachhaltiger Finanzregulierung. Stremlau, die als ehemalige Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung tiefe Einblicke hatte, argumentiert konkret und erfahrungsgesättigt. Sie liefert faktische Beispiele dafür, wie einzelne Branchen regulatorische Fortschritte aus Eigeninteresse als bürokratischen Irrsinn darstellen. Besonders stark gelingt die Dekonstruktion der Erzählung, Nachhaltigkeitskriterien seien schuld an Kreditengpässen – es seien die fossilen Geschäftsmodelle selbst, die zum Risiko würden.

Der Fokus liegt fast ausschließlich auf institutionellen und politischen Lenkungsfragen; die Rolle globaler Ungleichheiten im Finanzsystem, privater Altersvorsorge durch renditejagende Fonds oder die Frage nach Obergrenzen für privaten Reichtum bleiben außen vor. Die Welt wird als ein gestaltbares Gefüge aus mehr oder weniger nachhaltigen Investitionen beschrieben – eine Perspektive, die zwar aktivierend wirkt, aber stillschweigend voraussetzt, dass das Wachstumsmodell an sich nicht zur Debatte steht. Auch wenn der Podcast Kritik an Lobbyismus übt, präsentiert er Sustainable Finance im Kern als Win-Win-Strategie, die nur klug genug umgesetzt werden müsse. Dass die Logik von Rendite und Wettbewerbsfähigkeit selbst zentrale Treiber der Krise sein könnte, wird nicht problematisiert. „Die Mutter der Nachhaltigkeit ist die Sicherheit. Ohne ein sicheres Land können wir auch nicht nachhaltig werden und können wir keine Dekarbonisierung vorantreiben.“ – Dieses von Stremlau als reine Lobbykampagne entlarvte Zitat der Rüstungsbranche zeigt, wie Begriffe aus dem Sicherheitsdiskurs instrumentalisiert werden, um sich in den Nachhaltigkeitskanon einzukaufen.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie politisch die Hebel des Finanzmarktes sind und warum der Kampf um grüne Geldanlagen längst ein harter Lobby-Kampf ist, bietet diese Episode dichte Information mit selten gewährten Praxis-Einblicken.

Sprecher:innen

  • Maja Göpel – Moderatorin, Politökonomin und Expertin für Nachhaltigkeitstransformation
  • Silke Stremlau – Ex-Vorständin Sustainable-Finance-Beirat, Geschäftsführerin Finance for Transition