Jan Groos spricht mit dem politischen Ökonomen Ho-fung Hung über die Struktur des chinesischen Kapitalismus. Ausgangspunkt ist die gängige Beschreibung Chinas als „staatskapitalistisch". Hung entfaltet daran eine detaillierte Gegenwartsanalyse: Das System sei weniger ein einfacher Staatskapitalismus als vielmehr ein „Parteistaatskapitalismus", weil die KP Chinas verfassungsgemäß alle Lebensbereiche durchdringe – bis hin zur Präsenz von Parteizellen in ausländischen Unternehmen. Als zweite zentrale Besonderheit betont Hung das fehlende Privateigentum an Grund und Boden. Gleichzeitig sei die Ökonomie in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Wohnen stärker privatisiert als in vielen westlichen Ländern.

Zentrale Punkte

  • Parteistaat statt nur Staatskapitalismus Hung argumentiere, China sei ein „Parteistaatskapitalismus" (party state capitalism). Die KP Chinas sei verfassungsgemäß in allen Sphären präsent, auch in Privat- und ausländischen Firmen. Dort existiere eine Doppelführung aus Management und Parteikomitee, was die Grenze zwischen staatlichem und privatem Sektor verschwimmen lasse.
  • Widerspruch zwischen Ideologie und Lebensrealität Die Verfassung spreche von „Marktsozialismus", doch die Daseinsvorsorge sei extrem privatisiert. Gesundheit, Bildung und Wohnen würden die Bürger:innen stark belasten, so Hung. Während der Mao-Ära hätten staatliche Einheiten diese Leistungen erbracht, heute herrsche eine Ungleichheit, die auf eine politische Entscheidung für Markteffizienz zurückgehe.
  • Entwicklung als nicht reproduzierbares Modell Viele Länder des globalen Südens blickten auf Chinas Aufstieg. Hung sehe in der frühen Phase (1970er) durchaus nachahmenswerte Elemente, etwa die durch Kollektivfarmen erreichte hohe Alphabetisierung und Grundgesundheit. Der heutige Erfolg basiere aber stark auf diesem historischen Fundament und geopolitisch einmaligen Bedingungen, die sich anderswo kaum kopieren ließen.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine differenzierte institutionelle Analyse, die über vereinfachte Etikettierungen hinausgeht. Hung zeigt an konkreten Mechanismen – etwa der Doppelherrschaft in Unternehmen und der fiskalischen Schieflage zwischen Zentralstaat und finanzschwachen Lokalregierungen – die inneren Widersprüche des chinesischen Modells auf. Diese Verbindung von politischer Kontrollstruktur und ökonomischer Funktionslogik ist aufschlussreich für ein Publikum, das China jenseits von Dämonisierung oder Bewunderung verstehen will. Hung liefert mit Beispielen wie den Protesten von Rentner:innen, die Mao-Porträts trugen, Anschauungsmaterial für die anhaltende Spannung zwischen sozialistischem Anspruch und kapitalistischer Praxis.

Etwas zu kurz kommt die Frage, wessen Perspektive auf das System hier verhandelt wird. Die Position der Partei und die Logik des Staates werden analytisch beschrieben, die Motivationen und Handlungsspielräume konkreter Akteur:innen – Arbeiter:innen, Aktivist:innen, marginalisierte Gruppen – scheinen dagegen nur als reagierende Masse auf. In der Diskussion um „Entwicklungsmodelle" bleibt zudem Chinas Rolle als heutiger Gläubiger und Infrastrukturbauer im globalen Süden unkritisch. Die Machtasymmetrien, die durch Projekte der „Belt and Road Initiative" entstehen, werden nicht problematisiert, obwohl sie in direktem Widerspruch zu einem emanzipatorischen „Vorbild" für den globalen Süden stehen könnten.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine institutionell präzise Einordnung des chinesischen Kapitalismus suchen und bereit sind, sich auf ein dichtes, akademisch geprägtes Gespräch einzulassen.

Sprecher:innen

  • Jan Groos – Host von Future Histories
  • Ho-fung Hung – Professor für politische Ökonomie, Johns Hopkins University