Der anonyme Autor von „Notes From The Circus“ bricht in dieser Ausgabe mit seiner eigenen, über zwei Jahre aufgebauten Fundamentalkritik am Einfluss von Milliardären auf die Demokratie. Es ist eine enthusiastische Wahlempfehlung für Tom Steyer, der bei den kalifornischen Gouverneursvorwahlen antritt. Der Autor macht von Anfang an klar, dass er sich des Widerspruchs bewusst ist. Schließlich sei Steyer ein Hedgefonds-Milliardär, der mit 130 Millionen Dollar aus eigenem Vermögen Wahlkampf betreibt – exakt der Typus, den der Newsletter sonst als Kernproblem beschreibt.
Die argumentative Volte gelingt dem Autor, indem er nicht die Tatsache des Reichtums, sondern die Haltung dazu ins Zentrum rückt. Er konstruiert einen scharfen Kontrast zwischen Steyer und dem Milliardär Peter Thiel. Während Steyer sein Vermögen seit 2012 für progressive Anliegen wie Klimaschutz und eine fairere Wahlkreiseinteilung einsetzt und nun offensiv eine Vermögenssteuer fordert, habe Thiel nach einer Rede, in der er Papst Franziskus als Antichrist bezeichnete, das Land verlassen – mutmaßlich eben wegen dieser drohenden Steuer. Für den Autor verkörpern diese beiden Figuren die entscheidende Frage des Wahlzettels: "Das ist der Kontrast. Das ist der gesamte kalifornische Wahlzettel in zwei Männern."
Der Autor räumt ein, dass Steyer kein linkspopulistischer Saubermann ist, sondern ein vorsichtiger Taktiker, der mehr über Bezahlbarkeit als über Umverteilung spricht. Doch gerade die Person und ihre spezifische Position im Machtgefüge machen für ihn die Empfehlung aus. Die zentrale These ist strukturell: Kalifornien als Sitz der Tech- und Finanzelite müsse die "Brandmauer" gegen den autoritären Umbau der USA unter Trump sein. Dafür brauche es jemanden, der durch eigenen Reichtum immun gegen die Erpressungsmechanismen der Spenderklasse ist. Der Autor bringt diesen Gedanken auf die prägnante Formel: "Der Spender-Einfang-Mechanismus funktioniert nicht bei jemandem, der mehr Geld hat als die Spender." Steyer sei die "Inversion, auf die der Staffellauf gewartet hat" – jemand, der den Apparat von innen heraus gegen sich selbst wendet.
Die Argumentation ist rhetorisch brillant und von einer tiefen liberalen Sorge getragen. Der Autor erkennt, dass er ein Risiko eingeht, und betont, er empfehle keinen Heilsbringer, sondern lediglich einen Kandidaten. Es gehe um die grundsätzliche Haltung, das Zurückgeben statt des Extraktionismus, was er mit Verweis auf historische und kulturelle Werte untermauert. Die drastische Sprache gipfelt in Sätzen, die Fossilindustrie als „Todesmaschine“ brandmarken oder Thiels Auswanderung als Flucht vor zivilisatorischer Verantwortung interpretieren.
Einordnung
Der Text ist eine bewusst zugespitzte, polemische Intervention einer linksliberalen Position, die sich in einer existenziellen Krise wähnt. Der Autor macht seine Agenda glasklar: Er rät strategisch zur Wahl eines Kandidaten, den er selbst als unperfekt und als Teil des Problems benennt. Diese Ehrlichkeit ist wohltuend, doch die Analyse hat eine große argumentative Schwäche: Sie idealisiert Steyers philanthropisch-politisches Engagement und setzt einen "guten" Milliardär inthronisierend gegen einen "bösen". Die Vorstellung, eine einzelne vermögende Person könne als Feuerwehr gegen ein System antreten, dem sie selbst entstammt, ist ein aus Verzweiflung geborenes, elitäres Narrativ. Es reproduziert die gleiche Logik, die es kritisiert: dass letztlich doch Superreiche als Einzige die Macht besitzen, das System zu retten. Die Perspektiven all jener, die nicht aus dem Inneren der Macht kommen – soziale Bewegungen, Basisinitiativen, die organisierte Arbeiterschaft – werden in dieser auf zwei Milliardäre verengten Erzählung komplett ausgeblendet.
Die gesellschaftliche Relevanz des Textes liegt in seiner exemplarischen Funktion: Er dokumentiert die ideologische Zwickmühle des liberalen Amerikas, das zur Verteidigung der Demokratie auf Personen und Methoden zurückgreifen muss, die es eigentlich ablehnt. Lesenswert ist der Newsletter für alle, die eine zugespitzte, intellektuell ehrliche Debatte über taktische Entscheidungen im Angesicht autoritärer Bedrohungen suchen. Wer jedoch tiefgreifende strukturelle Alternativen jenseits von Personalentscheidungen oder eine ausgewogene Darstellung der politischen Landschaft Kaliforniens erwartet, den wird diese als Aufruf getarnte Lektion in strategischer Resignation unbefriedigt lassen.