Der Newsletter des Beraters Marcus, der sich an Personen richtet, die die Dynamiken von Plattformen wie TikTok verstehen wollen, befasst sich mit dem Konzept der postdigitalen Propaganda. Der Autor argumentiert, dass Propaganda nicht mehr aus gezielten Lügen bestehe, sondern eine infrastrukturelle Bedingung der Plattformökonomie sei. Plattformen seien so allgegenwärtig wie Luft, weshalb Propaganda aus ihrer Funktionsweise selbst entstehe. Im Zentrum stehe die Plattform-Infrastruktur, die durch Empfehlungssysteme und affektive Reaktionen gesteuert werde. Emotionen fungierten als wichtigstes Ranking-Signal für Algorithmen. Als Beispiel dient der im Text erwähnte Iran-Krieg des Jahres 2026, der durch KI-generierte Memes geprägt sei. Es zirkulierten Propagandavideos, die Raketenangriffe in der Ästhetik von Lego oder Call of Duty darstellten. Dabei bedienten sich staatliche Akteur:innen wie das Weiße Haus oder der Iran sowie Millionen von Nutzer:innen derselben visuellen Sprache. Durch ständige Wiederholung verschwimme die Grenze zwischen Propaganda und alltäglichem Posting. Der Autor hält fest: "It doesn't arrive pre-disarmed. It arrives pre-amplified." Die Jagd nach Faktenchecks laufe ins Leere, da das Problem nicht bei falschen Inhalten, sondern bei den infrastrukturellen Bedingungen liege. ## Einordnung Der Text bietet eine scharfsinnige medientheoretische Perspektive, die sich von der herkömmlichen Desinformationsdebatte abhebt. Indem der Fokus auf strukturelle Plattformlogiken gelegt wird, entlarvt der Autor die Grenzen klassischer Faktenchecks. Dennoch bleibt die Analyse stark technikdeterministisch. Die Handlungsmacht der Bürger:innen wird auf unbewusstes Weiterverbreiten reduziert, während Plattformen als fast naturgegebene Umgebungen geframt werden. Zudem blendet der Text ideologische Agenden aus. Wenn das Weiße Haus und der Iran als strukturell identische Akteur:innen gleichgesetzt werden, verschwinden reale machtpolitische Unterschiede hinter der Medienanalyse. Eine Kritik an den wirtschaftlichen Interessen der Tech-Konzerne fehlt völlig. Trotzdem ist der Newsletter gesellschaftspolitisch hochrelevant, da er ein neues Vokabular für die Analyse digitaler Manipulation vorschlägt. Für Medienprofis und Politikinteressierte ist die Ausgabe absolut lesenswert, da sie gängige Denkmuster produktiv herausfordert.