In dieser Episode des Freien Radios spricht die Moderation mit Kurt Mondaugen, Performer und Mitinitiator des Projekts „Vom Verschwinden“. Das Gespräch kreist um die Frage, wie künstlerische und philosophische Mittel Menschen für das Insektensterben sensibilisieren können. Mondaugen stellt das Projekt als eine alternative Form der Forschung dar, die nicht auf naturwissenschaftlicher Datenerhebung basiere, sondern auf emotionaler Ansprache und Veränderung der Wahrnehmung. Als Ausgangspunkt der Initiative wird eine persönliche Beobachtung im eigenen Kleingarten geschildert: Während im naturnah bewirtschafteten Garten Insekten summen, herrsche auf dem angrenzenden Monokultur-Feld völlige Stille. Diese Erfahrung habe die Dringlichkeit verdeutlicht, auf die „zwei großen Katastrophen“ – Klimawandel und globales Artensterben – zu reagieren.

Zwei Prämissen strukturieren das Gespräch: dass das Wissen über das Problem grundsätzlich vorhanden sei und dass die entscheidende Lücke zwischen Bewusstsein und Handeln liege. Die Rolle der Kunst wird dabei nicht in der Vermittlung von Fakten gesehen, sondern darin, einen anderen, entschleunigten Blick auf die eigene Umgebung zu ermöglichen. Die konventionelle Landwirtschaft erscheint durchgängig als Gegenspielerin dieser Bemühungen.

Zentrale Punkte

  • Kunst als Brücke zum Handeln Das Projekt ziele darauf ab, Menschen emotional zu erreichen, da reines Faktenwissen nicht zu verändertem Verhalten führe. In Workshops sei beobachtet worden, wie Teilnehmende allein durch langsames Hinschauen und anschließendes Zeichnen oder Haiku-Schreiben einen neuen Bezug zu Insekten entwickelten.
  • Das eigene Umfeld als Forschungsort Nicht die wissenschaftliche Studie, sondern der eigene Garten oder Balkon wird als zentraler Ort der Auseinandersetzung beschrieben. Konkrete, niedrigschwellige Maßnahmen wie naturnahes Gärtnern, das Anlegen von Totholzhaufen oder das Stehenlassen von Brennnesseln für Raupen werden als Beitrag Einzelner gegen das Artensterben angeführt.
  • Kulturgeschichte statt reiner Ökologie Das Projekt verstehe sich als kulturelle und philosophische Erkundung, die sich auch mit Ängsten und kulturellen Prägungen gegenüber Insekten beschäftige. Mondaugen verweist auf persönliche Erfahrungen und literarische Werke, um zu zeigen, wie tief das Verhältnis zu Insekten kulturell geformt sei – etwa durch eine Kindheit, in der die „chemische Keule“ als Lösung für alles gegolten habe.

Einordnung

Das Gespräch bildet einen sympathischen und praxisnahen Gegenpol zur oft abstrakten Klima- und Biodiversitätsdebatte. Indem es die sinnliche Erfahrung im eigenen Garten und den künstlerischen Ausdruck ins Zentrum rückt, gelingt eine niedrigschwellige Einladung, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die im Projekt praktizierte Methode, Menschen über ästhetische Erfahrung und verlangsamte Wahrnehmung zu erreichen, wird anhand konkreter Workshop-Erfahrungen plausibel gemacht. Die Verweise auf Kooperationen mit Naturschutzverbänden zeigen zudem eine Einbettung in fachliche Zusammenhänge, ohne den eigenen künstlerischen Ansatz aufzugeben.

Auffällig ist, wie stark das Gespräch vom Appell ans Individuum getragen wird. Strukturelle Fragen – etwa zur Agrarpolitik oder zur Macht der Chemieindustrie – werden zwar benannt, aber sofort wieder in den Bereich des persönlich Machbaren zurückgeführt. „Eigentlich müsste man was tun, aber jeder von uns tut dann eigentlich doch zu wenig“, heißt es an einer Stelle. Diese Setzung macht das Insektensterben vor allem zu einer Frage des einzelnen Gewissens und blendet aus, dass Handlungsspielräume sehr ungleich verteilt sind. Die Position der Sprechenden als Kleingartenbesitzende mit künstlerischem Kapital und Zeit für Wahrnehmungsworkshops wird nicht reflektiert. Für Hörer:innen, die keinen Garten haben oder in prekären Verhältnissen leben, bleibt der praktische Appell zwangsläufig abstrakt. Die Episode liefert eher eine ästhetisch-philosophische Anregung als eine politische Analyse des Problems.