Am 19. März 2026 werden im nigerianischen Calabar Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren von Bediensteten einer Stadtentwicklungsbehörde zusammengetrieben, an Händen und Füßen gefesselt und mit einer Machete geschlagen – ein geplanter Übergriff, wie der Aktivist James Okina betont. Als Mitarbeitende seiner Organisation „Street Priests“ eingreifen, werden auch sie körperlich attackiert. Der Vorfall dient in dieser Episode als Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie die nigerianische Gesellschaft mit Kindern in Straßensituationen umgeht.
Adwoa Domena spricht mit dem Aktivisten James Okina, seiner Kollegin Ewa Hanna Ayare sowie der DW-Korrespondentin Azeezat Abiola Olaoluwa. Alle drei teilen die Grundannahme, dass Straßenkinder in Nigeria systematisch als Problem und nicht als schutzbedürftige Kinder gesehen werden. Die Diskussion bewegt sich entlang der Frage, wie diese Wahrnehmung staatliche Gewalt ermöglicht und was sich ändern muss. Die strukturellen Ursachen werden benannt, bleiben aber weitgehend auf der Ebene innerfamiliärer und kultureller Dynamiken – Armut und fehlende Bildung – und werden nicht machtpolitisch oder ökonomisch vertieft.
Zentrale Punkte
- Sprache schafft Rechtfertigung für Gewalt Dass Kinder als „hartgesottene Kriminelle“ oder gar als „Terroristen“ bezeichnet würden, schaffe in der Öffentlichkeit eine Erzählung, die Gewalt gegen Minderjährige akzeptabel erscheinen lasse. Diese sprachliche Entmenschlichung sei kein Zufall, sondern eine bewusste Strategie, um repressive Maßnahmen zu rechtfertigen.
- Staatliches Handeln ist reiner Aktionismus Anstatt langfristige Programme aufzulegen, würden Bundesstaaten immer wieder zu planlosen Razzien greifen. Der fehlende politische Wille zeige sich darin, dass selbst unterzeichnete Kinderschutzgesetze von den Behörden selbst missachtet würden, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
- Die Gesellschaft ist gegenüber dem Leid abgestumpft Weil die Mehrheit der Nigerianer:innen selbst in extremer Armut lebe, werde die Verantwortung für fremde Kinder als zusätzliche Last empfunden. Diese kollektive Wegschau-mentalität, kombiniert mit schädlichen kulturellen Praktiken wie der Hexenbrandmarkung, sei der Nährboden für das Scheitern aller Hilfsprogramme.
Einordnung
Die Episode leistet eine wichtige und hörenswerte Dokumentation staatlicher Gewalt aus der Perspektive derjenigen, die direkt mit den betroffenen Kindern arbeiten. Die Stärke liegt in der detaillierten Schilderung des Vorfalls in Calabar und der klaren Benennung der sprachlichen Mechanismen, die Gewalt vorbereiten. Die Diskussion differenziert zudem zwischen Symptombekämpfung und den eigentlichen Ursachen wie fehlenden sozialen Sicherungssystemen.
Die Perspektive der Kinder selbst kommt jedoch nicht zu Wort – sie bleiben Objekte, über die gesprochen wird. Auffällig ist die wiederholte, als selbstverständlich gesetzte Prämisse, dass der Staat eigentlich die alleinige Verantwortung trage. Die Frage, warum er dieser trotz jahrzehntelanger gegenteiliger Erfahrung nicht nachkommt, wird zwar mit „fehlendem politischen Willen" beantwortet, aber nicht weiter analysiert. Die ökonomischen Machtstrukturen, die weder den Staat noch die Gesellschaft zu einem anderen Handeln bewegen, bleiben ausgeblendet. Die Einordnung, dass die Mehrheit der Bevölkerung „ihre eigenen Probleme" habe, naturalisiert das Wegschauen, anstatt diese gesellschaftliche Kälte selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen. Wie tief diese sprachliche Entmenschlichung sitzt, zeigt sich in einer Aussage von James Okina: „Even using the word hardened criminals in proximity to children is deeply irresponsible. This language contributes to a public narrative that makes it easier to justify violence against minors."
Hörempfehlung: Eine wichtige Episode für alle, die verstehen wollen, wie gesellschaftliche Erzählungen staatliche Gewalt gegen Kinder ermöglichen und welche Arbeit zivilgesellschaftliche Gruppen vor Ort leisten.
Sprecher:innen
- Adwoa Domena – Host
- James Okina – Gründer von Street Priests Inc.
- Ewa Hanna Ayare – Head of Admin & HR, Street Priests Inc.
- Azeezat Abiola Olaoluwa – Westafrika-Korrespondentin der DW