Das Gespräch dreht sich um die Siegerfilme der Filmfestspiele von Cannes 2026. Die Diskussion wird als lebhafter Schlagabtausch unter Kritiker:innen geführt. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Urteile, sondern immer wieder um die politische Haltung, die den Filmen unterstellt oder abgesprochen wird. Als Maßstab für Qualität gilt oft, ob ein Film eine klare moralische Position bezieht oder eine innere Widersprüchlichkeit aushält.
Zentrale Punkte
- Palme d’or: Ein Film zwingt zur Parteinahme Christian Mungius Film „Fjord" über eine christlich-fundamentalistische Familie in Norwegen sei in Wahrheit keine neutrale Studie, sondern ergreife Partei für die Eltern. Die Kritiker:innen seien uneins, ob der Film die Jugendamts-Mitarbeiter:innen gezielt als Karikaturen darstelle und dadurch eine „reaktionäre" Haltung einnehme, oder ob die fehlende Eindeutigkeit ein bewusstes Mittel sei, das Publikum zu verunsichern.
- Grand Prix: Wenn das Private politisch wird Andreï Zviaguintsevs „Minotaure" verbinde eine Ehebruch-Geschichte mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Die Atmosphäre der Angst und Korruption im heutigen Russland werde nicht durch große Reden, sondern durch alltägliche Details spürbar. Gerade in der Verbindung von privater Schuld und politischer Zersetzung liege die Stärke des Films, der für einige die „eigentliche" Palme gewesen sei.
- Preis fürs Drehbuch: Die Tücken der Kollaboration Emmanuel Mars „Notre Salut" folge einem kleinen Beamten auf seinem Weg in die Vichy-Kollaboration. Der Film werde für seine präzise Erzählweise gelobt, die sich ein moralisches Urteil von oben herab verweigere und stattdessen Schritt für Schritt zeige, wie jemand zum Mittäter wird. Er sei ein stilles, aber umso eindrücklicheres Porträt einer verführbaren Gesellschaft.
Einordnung
Die Stärke dieser Folge liegt in der Leidenschaft und argumentativen Schärfe, mit der die Kritiker:innen ihre oft gegensätzlichen Positionen vertreten. Besonders bei Mungius Film prallen die Lesarten unversöhnlich aufeinander, was die zentralen Fragen des Festivals auf den Punkt bringt: Darf ein Film provozieren, indem er Täter-Opfer-Rollen verunklart, oder ist das fahrlässig? Die Moderatorin hält die Diskussion straff und sorgt für einen klaren Fokus auf die handwerklichen und erzählerischen Entscheidungen der Regisseure.
Allerdings bleibt die Debatte einem klassischen Autorenkino-Verständnis verpflichtet, bei dem die moralische Haltung des Regisseurs im Zentrum steht und nicht etwa die Publikumswirkung. Der hitzige Vorwurf, Mungius Film sei „wirklich widerlich" in seiner angeblichen Parteinahme, wird von der Runde nicht weiter problematisiert oder mit konkreten Szenenanalysen unterfüttert, die über den Vorwurf der Karikatur hinausgehen. Das zeigt, wie schnell ein ästhetischer Streit in eine politische Gesinnungsprüfung umschlagen kann – ein Balanceakt, den die Redaktion bewusst zulässt, um die Dringlichkeit der Debatte zu erhöhen.
Hörempfehlung: Ein Muss für alle, die verstehen wollen, warum Filmkritik auch 2026 noch so hitzig wie politisch sein kann – und die sich gern an pointierten Fehden unter kundigen Köpfen erfreuen.
Sprecher:innen
- Rebecca Manzoni – Moderatorin der Sendung „Le Masque et la Plume"
- Jean-Marc Lalanne – Chefredakteur des Magazins Les Inrockuptibles
- Nicolas Schaller – Journalist bei L'Obs (Le Nouvel Observateur)
- Charlotte Garson – Stellvertretende Chefredakteurin der Cahiers du Cinéma
- Charlotte Lipinska – Kritikerin und Journalistin bei Télé Matin