Ein britisch-deutscher Pakt lässt aufhorchen: Das Startup Humanoid hat mit dem Industrieriesen Schaeffler vereinbart, über 1.000 seiner humanoiden Roboter in Fabriken einzusetzen – und das bereits ab diesem Jahr. Der wahre Hammer steckt jedoch im Kleingedruckten: Humanoid verpflichtet sich, über die Laufzeit eine „siebenstellige Anzahl von Aktuatoren“ – also mindestens eine Million Stück – von Schaeffler zu beziehen. Da Schaeffler damit mehr als die Hälfte des Bedarfs deckt und ein Roboter grob 18 bis 22 solcher Gelenkantriebe benötigt, rechnet der Newsletter vor, dass Humanoid insgesamt rund 100.000 Roboter an seine gesamte Kundschaft ausliefern will. Schaeffler ist dabei in einer Doppelrolle: größter Abnehmer und bevorzugter Zulieferer zugleich. Der Konzern verhandelt derzeit mit etwa 45 Robotik-Firmen und erwartet bis 2030 einen Auftragsbestand im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.
Boston Dynamics demonstriert unterdessen, wie der humanoide Atlas mithilfe von bestärkendem Lernen schwere Lasten stemmt. Statt auf Kameras zu vertrauen, setzt der Roboter vor allem auf Propriozeption, also eine Art inneres Körpergefühl, um Gewicht, Gleichgewicht und Griff in Echtzeit anzupassen. „Atlas übte die Bewegungen millionenfach in parallelen Simulationen auf GPUs“, schreibt das Unternehmen. Dadurch gelinge es erstmals, die gefürchtete Lücke zwischen Simulation und realer Welt zu schließen. Die neue Hardware-Architektur mit nur zwei Aktuatortypen und symmetrischen Gliedmaßen mache präzise Simulationen überhaupt möglich.
Zwei weitere Meldungen unterstreichen den Boom: Der Logistik-Robotik-Spezialist Locus Robotics kauft Nexera Robotics, um mit der Greiftechnologie NeuraGrasp mobile Manipulation im großen Stil zu ermöglichen – ein entscheidender Schritt, um Millionen unterschiedlicher Warentypen automatisiert zu greifen. Und die Rivian-Ausgründung Mind Robotics sammelt innerhalb von zwei Monaten 900 Millionen Dollar bei einer Bewertung von über drei Milliarden ein. Rivian-CEO Scaringe will mit seinem „Project Synapse“ Roboter mit menschenähnlichen Fähigkeiten für die Fabrikarbeit schaffen, weil er bestehenden Startups die industrielle Reife abspricht.
Einordnung
Der Newsletter ist ein klassisches Branchen-Bulletin, das voll auf die Euphorie um humanoide Roboter und KI-gestützte Automatisierung einzahlt. Die Perspektive ist die von Investor:innen und Technologie-Enthusiast:innen: Wachstumszahlen, Finanzierungsrunden und technische Durchbrüche stehen im Vordergrund, kritische Einwände fehlen völlig. Unausgesprochene Annahme ist, dass der massive Einsatz von Robotern in Fabriken unausweichlich und per se wünschenswert sei. Weder Arbeitsplatzverluste noch Sicherheitsrisiken, ethische Fragen oder die enormen Energie- und Ressourcenkosten dieser Systeme werden thematisiert. So entsteht ein Framing, das Technikfortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleichsetzt und die Interessen von Konzernen und Kapitalgebern stillschweigend zur Norm erhebt.
Lesenswert ist die Ausgabe für alle, die einen schnellen, nüchternen Überblick über die jüngsten Robotik-Deals und -Demonstrationen suchen. Wer jedoch eine ausgewogene Einordnung mit Blick auf gesellschaftliche Folgen erwartet, sollte andere Quellen ergänzen – der Newsletter liefert eher die Vertriebsbroschüre einer Branche im Rausch der Milliarden.