Der massive russische Luftangriff auf das Zentrum von Kiew am Pfingstwochenende ist der Ausgangspunkt für eine vielschichtige Episode, die von der persönlichen Bedrohungswahrnehmung bis zur grundsätzlichen Frage internationaler Zusammenarbeit reicht. Ukraine-Korrespondent Florian Kellermann schildert die nächtlichen Einschläge aus dem beschädigten ARD-Studio heraus als ein Erlebnis, das sich tief in den „emotionalen Apparat“ einfresse und die vermeintliche Routine des Kriegsalltags durchbreche. Die Sendung setzt dieses Zeugnis der Verwundbarkeit in den größeren Zusammenhang russischer Machtdemonstration mit der erneut eingesetzten Hyperschallrakete Oreschnik, die als Symbol der Eskalation beschworen wird, während die Moderator:innen zugleich die Risse in Putins Inszenierung von Stärke herausarbeiten. Getragen wird die Analyse von der Prämisse, dass diese Form der Kriegsführung nicht allein militärisch, sondern vor allem psychologisch wirken soll – gegen die Zivilbevölkerung und gegen die im „anästhesierten Zustand“ verharrenden USA.
Im Schwerpunkt wird der vielfach beschworene Begriff der „regelbasierten internationalen Ordnung“ auseinandergenommen, der als zentrales, aber unscharfes politisches Konzept beschrieben wird, dessen Grundlage das Völkerrecht sei. Das Gespräch mit Expertin Julia Weigelt setzt voraus, dass diese Ordnung aufgrund ihrer von westlichen Staaten geprägten Entstehung und der selbstsüchtigen Auslegung durch starke Mächte grundlegend reformbedürftig ist, und betrachtet das chinesische Gegenmodell einer individuellen Auslegung von Menschenrechten als mächtige, wenngleich problematische Alternative in einer sich neu sortierenden Welt.
Zentrale Punkte
- Wunden im Zentrum der Macht Florian Kellermann beschreibe, wie der gezielte Beschuss Kiews, darunter ein Markt und das ARD-Studio, die abstrakte Bedrohung in eine zutiefst persönliche verwandelt habe. Das Sicherheitsgefühl werde nachhaltig verändert, indem der Krieg den vermeintlich sicheren Arbeitsalltag zerstöre, was man nicht einfach rationalisieren könne.
- Die „Wunderwaffe“ als zynischer Test Kai Küstner ordne die Oreschnik-Rakete als ballistische Waffe ein, deren Gefechtsköpfe entgegen russischer Behauptungen in der Endphase möglicherweise doch abfangbar seien. Die bislang geringe Zerstörungskraft nähre den Verdacht, dass Russland die Ukraine zynisch als Testgelände für seine neuen Mittelstreckenraketen missbrauche.
- Terror aus der Position der Schwäche Die massiven Luftangriffe seien das Eingeständnis einer militärischen Sackgasse, so die Argumentation. Da die Ukraine die Front immer weiter verbreitern könne und mit Drohnen tief nach Russland vordringe, inszeniere Putin den Terror gegen die Zivilbevölkerung, um nach innen und gegenüber Donald Trump nicht schwach zu wirken.
- Eine Ordnung als nützliche Fiktion Die „regelbasierte internationale Ordnung“ sei ein bewusst vage gehaltenes politisches Konzept, das auf Völkerrecht und informellen Praktiken beruhe, aber vor allem vom Westen profitiert habe. Die Aufrechterhaltung dieses Systems funktioniere wie die von Vaclav Havel beschriebene „Macht der Machtlosen“ – solange alle so tun, als sei es in Ordnung, existiere es, doch ein ehrlicher Wandel zur Fairness sei notwendig.
Einordnung
Der Episode gelingt ein dichter, assoziativer Bogen, der das subjektive Erleben eines Korrespondenten mit strategischen und völkerrechtlichen Analyseebenen verwebt und so die Auswirkungen abstrakter Politikkonzepte greifbar macht. Besonders die nuancierte Einordnung der regelbasierten Ordnung durch Julia Weigelt ist eine Stärke, da sie den Begriff nicht nur als zu beschwörende Norm präsentiert, sondern seine westlichen Doppelstandards und das Gegenmodell Chinas offenlegt, eingefangen in dem Befund, die Regeln seien stets akzeptiert worden, „solange wir von ihr profitiert haben“. Diese Offenheit macht die Schwachstellen eines Systems sichtbar, das oft nur rhetorisch verteidigt wird, und stellt die unangenehme Frage nach den Kosten eines ungerechten Friedens.
Gleichzeitig bleibt die Analyse einem diplomatischen Zugang verhaftet, bei dem das Grundgerüst der liberalen Ordnung – freier Handel, kollektive Sicherheit, Multilateralismus – als schützenswerter, wenn auch unvollkommener Rahmen anerkannt wird, ohne dessen wirtschaftliche Machtstrukturen tiefgreifend zu hinterfragen. Die berechtigte Kritik an US-amerikanischer Willkür wird auf China projiziert, jedoch ohne die unterschiedliche autoritäre Qualität beider Modelle analytisch zu schärfen; die Aussage, China legitimiere mit seinem Entwicklungsmodell „Unterdrückung von Dissens“, wird nur registriert, nicht aber in ihrer Gefahr für grundlegende Freiheitsrechte problematisiert. Die Wunschvorstellung, die EU müsse nun selbst zum Hüter dieser Ordnung werden, verfängt letztlich in einem eurozentrischen Denken, das die eigene koloniale Vergangenheit und deren Fortwirken in globalen Ungleichheiten weitgehend ausblendet.
Sprecher:innen
- Stefan Niemann – Moderator, NDR Info
- Kai Küstner – Moderator und sicherheitspolitischer Experte, NDR Info
- Florian Kellermann – Ukraine-Korrespondent der ARD, berichtet aus Kiew
- Julia Weigelt – NDR-Redakteurin, recherchierte zum Schwerpunkt der internationalen Ordnung