In dieser Episode von Table Today spricht Michael Bröcker mit der Investorin Jeannette zu Fürstenberg über ein von ihr mitverfasstes Papier zur europäischen Verteidigungsautonomie. Die zentrale These: Europa könne sich selbst verteidigen, Technologie und Geld seien vorhanden – es brauche lediglich politischen Willen und neue Beschaffungslogiken. Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass die USA als verlässlicher Partner ausfallen und Europa zwingend auf eigene Fähigkeiten setzen müsse. Verteidigungspolitik wird durchgehend als Innovations- und Wirtschaftsfrage verhandelt; gesellschaftliche oder demokratiepolitische Aspekte spielen kaum eine Rolle.
Zentrale Punkte
- Staat als Ankerkunde statt Gießkanne Regierungen sollten nicht detaillierte Produkte spezifizieren, sondern Probleme benennen und Rahmenverträge ausschreiben – etwa 5 Milliarden für eine funktionsfähige Rakete. So entstehe ein „Schwungrad“ für private Investitionen und Unternehmensbewertungen.
- Veraltete Systeme ignorieren, auf KI und Drohnen setzen 90 Prozent der Wirkung im Ukraine-Krieg entfalteten kleine, KI-gesteuerte Systeme, nicht große Waffensysteme. Europa müsse Beschaffungsbudgets radikal von „Legacy“-Plattformen hin zu autonomen Lösungen verschieben, sonst bleibe es technologisch unterlegen.
- Europäische KI-Infrastruktur als Souveränitätsbaustein Mit Mistral AI entstehe ein europäisches KI-Modell, das auf souveränen GPU-Clustern in Frankreich laufe – betrieben mit Atomstrom. Das sei essenziell, um Wertschöpfung und sensible Industriedaten vor amerikanischem Zugriff zu schützen.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen detaillierten Einblick in die Denkweise einer Investorin, die Verteidigungspolitik konsequent als Marktgeschehen betrachtet. Zu Fürstenberg liefert konkrete Zahlen und Beispiele gelungener europäischer Tech-Unternehmen – das verleiht ihren Forderungen Substanz und macht die Argumentation nachvollziehbar. Ihre Analyse der Beschaffungsprobleme ist präzise: Überkomplexe Ausschreibungen und fehlende Abnahmegarantien lähmen Innovation tatsächlich.
Allerdings bleibt die Diskussion vollständig innerhalb einer ökonomischen Logik. Verteidigung wird primär als Wachstumschance und Standortfaktor gerahmt – die Frage, ob Aufrüstung in dieser Größenordnung gesellschaftlich wünschenswert ist oder welche Risiken eine so enge Verzahnung von Venture Capital und Militär birgt, wird nicht gestellt. Dass eine Investorin mit eigenem Portfolio die Spielregeln für staatliche Beschaffung mitgestaltet, wird nicht problematisiert. Auch die Personalnot der Streitkräfte wird nur auf Nachfrage kurz gestreift und mit dem Vorschlag eines „dualen Ausbildungsprogramms" eher ausgewichen als beantwortet. Zitat: „dann kann ja ein Modell auch sein, dass man tatsächlich Militärs nimmt und die mal in diese Startups reinsetzt" – eine Formulierung, die Menschen zu Testobjekten im Innovationsprozess macht.
Sprecher:innen
- Jeannette zu Fürstenberg – Managing Director bei General Catalyst, Investorin in Rüstungs- und KI-Startups
- Michael Bröcker – Chefredakteur Table Briefings, Gastgeber Table Today