Papst Leo XIV. setzt mit seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ (über 42.000 Wörter) einen überraschenden Akzent in der KI-Debatte. Er stellt die Wahl zwischen dem babylonischen Turmbau – Symbol für überhebliche, isolierte Machtkonzentration – und dem gemeinschaftlichen Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia. Der Newsletter-Autor Pete Pachal (The Media Copilot) greift dieses Bild auf und leitet daraus eine Strategie für die Medienbranche ab. Das päpstliche Schreiben spricht von einer Wahl „zwischen einer Macht, die den Himmel beherrschen zu können glaubt, und einem Volk, das in Gottes Gegenwart gemeinsam die Mauern geschwisterlichen Zusammenlebens wieder aufbaut“. Die zentrale These: Einzelne Lizenzverträge mit KI-Laboren folgen der Babel-Logik, denn sie geschehen aus einer Position großer Ungleichheit und erhöhen nur wenige Verlage. Kollektives Handeln hingegen – Branchenkoalitionen, gemeinsame Lizenzrahmen und Trainingsdaten als Gemeingut – entspricht dem Nehemia-Modell. Der Papst spricht von „versteckten, oft ausgebeuteten Arbeiter:innen“, womit er Datenarbeiter:innen im Globalen Süden meint, der Newsletter aber auch Verlage einschließt, deren Inhalte ungefragt und unvergütet Modelle trainieren. Das Problem sei nicht die Technologie, sondern die Machtasymmetrie.
Weitere Meldungen unterstreichen die Dringlichkeit: Die Associated Press liefert Wahlergebnisse künftig direkt an ChatGPT – politische Echtzeitdaten in einer Chat-Umgebung, in der Quellenangaben leicht verloren gehen. Zugleich brach der Such-Traffic für kleine Verlage um 60 Prozent, für mittlere um 47 Prozent ein; KI-Übersichten verschärfen den Trend. Condé-Nast-CEO Roger Lynch rät, zu planen, „als ob die Suche bei null liegt“. YouTube kündigt an, KI-generierte Videos automatisch zu kennzeichnen, selbst ohne Offenlegung – bei hauseigenen Tools wie Veo bleibt die Markierung dauerhaft.
Einordnung
Der Newsletter verknüpft geschickt eine moralische Instanz mit handfesten Lizenzierungsfragen und bietet Medienverantwortlichen eine griffige Erzählung für kollektives Vorgehen. Allerdings blendet der Babel-Nehemia-Vergleich Zwischentöne aus: Kollektive Lizenzmodelle könnten kleinere Verlage im Schatten großer Ketten benachteiligen oder KI-Innovationen lähmen, die auf offene Daten angewiesen sind. Die Deutung der Enzyklika überhöht den Text – der Papst fordert eine menschenzentrierte KI, nicht explizit Branchenkoalitionen. Hier projiziert der Newsletter eigene Interessen in die Moraltheologie. Das Framing von „Gewinnern und Verlierern“ und die implizite Machtlogik offenbaren eine strategische Agenda: Es geht weniger um Ethik als um Verhandlungsmacht. Wer ein argumentatives Rüstzeug für den eigenen Standpunkt in KI-Verhandlungen sucht, wird fündig. Wer eine ausgewogene Sicht auf die Interessen von KI-Entwickler:innen oder eine differenzierte Betrachtung kollektiver Lizenzierung erwartet, sei gewarnt.