Der Newsletter-Autor Tom Schaller, Professor für Politikwissenschaft und Verfechter einer unabhängigen US-Berichterstattung, zeichnet ein düsteres Bild der Normalisierung von Staatslügen. Für ihn liegt das Besondere nicht nur in der schieren Menge der Falschaussagen, sondern in ihrer neuen Qualität, die er als Loyalitätstest für das Umfeld des Präsidenten entlarvt. Das verstörendste Beispiel ist für ihn Stabschefin Susie Wiles, die öffentlich Trumps "Große Lüge" vom gestohlenen Wahlsieg 2020 wiederholte. Obwohl Trump selbst zwei Wirtschaftsprüfungsberichte zur Wahl unter Verschluss hält, müssen seine Untergebenen diese Fiktion aufrechterhalten, um ihre Position zu sichern.

Schaller dekonstruiert die verschiedenen Kategorien dieser Verhöhnung der Realität. Klassischen "Spin" erkennt er in der Iran-Politik, wo die angebliche Bedrohungslage durch eine Vermischung von nuklearen Ambitionen und tatsächlichen Fähigkeiten konstruiert wird. Besonders bizarr wird es bei der "sich selbst widersprechenden Doppellüge": Trump behauptete einst, die iranischen Atomanlagen "ausgelöscht" zu haben, um jetzt eine ebenso große Gefahr heraufzubeschwören. Seine Anhänger:innen müssen folglich ihre Argumentation ständig an Trumps widersprüchliche "Wahrhaftigkeit" anpassen.

Ihren grotesken Höhepunkt findet diese Realitätsverweigerung in der mathematischen Absurdität. Schaller zeigt auf, wie Trump und Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. von einer "600-prozentigen" Preissenkung bei Medikamenten faselten – eine rechnerische Unmöglichkeit, die Kennedy mit der hanebüchenen Rechnung zu verteidigen suchte: "Wenn man ein 600-Dollar-Medikament auf zehn Dollar reduziert, ist das eine Reduktion um 600 Prozent." Niemand wage es, den "verrückten König" zu korrigieren, so Schaller. Diese intellektuelle Selbsterniedrigung setzt sich bei den Justiz-Nominierten fort. Diese weigern sich nicht nur, Bidens legitimen Sieg anzuerkennen, sondern verwenden die passive Floskel, Biden sei als Präsident "zertifiziert" worden. Manche täuschen gar Verwirrung über das klare Verbot einer dritten Amtszeit durch den 22. Verfassungszusatz vor, um nicht in Ungnade zu fallen.

Die Spitze dieser Entwicklung sieht Schaller in der "Costanza-Präsidentschaft", benannt nach der Seinfeld-Figur, die glaubte, eine Aussage sei keine Lüge, solange man selbst sie glaube. Trumps Wirtschaftsberater Kevin Hassett predige mit einem breiten Grinsen, dass die Bürger:innen ihren eigenen Augen nicht trauen sollten, während die Preise stiegen. Die Analyse kulminiert in dem sarkastischen Vorwurf, Trump habe das Wahrheitsniveau im Weißen Haus um 600 Prozent gesenkt.

Einordnung

Schallers Analyse ist eine präzise Phänomenologie der Lüge, die sich eng an den offiziellen Worten und Handlungen der Machtelite abarbeitet. Seine Perspektive ist die eines liberalen Verfassungspatrioten, für den die Aushöhlung von Sprache und Recht durch die Exekutive ein Skandal ist. Ausgeblendet bleibt dabei, dass diese Lügen für viele Anhänger:innen gar nicht auf einer faktischen Ebene funktionieren, sondern als identitätsstiftende Kampfansage gegen das verachtete "Establishment". Die unausgesprochene Annahme des Textes ist, dass es ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit gibt, auf das man sich berufen kann – ein Konsens, der von der MAGA-Bewegung längst aufgekündigt wurde. Argumentativ werden die vielen Beispiele überzeugend zu einem System der Unterwerfung verdichtet, doch die Analyse dieser Dynamik bleibt auf die individuelle Charakterlosigkeit der Akteure beschränkt; strukturelle Gründe für das Funktionieren dieser Taktik werden kaum gestreift.

Der Text ist hochrelevant, weil er den schleichenden Giftprozess dokumentiert, bei dem eine Diktatur der Fiktion den Rechtsstaat unterspült. Lesenswert ist er für alle, die verstehen wollen, wie im Trumpismus Wahrheit nicht einfach ignoriert, sondern aktiv als Werkzeug zur Demütigung und Disziplinierung des Staatsapparats eingesetzt wird.