Der Newsletter von Ralf Heimann greift die in dieser Woche erschienene Titelgeschichte der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf, die der Frage „Lässt sich die AfD noch aufhalten?“ nachgeht. Von Beginn an stellt Heimann klar, dass es einfache Antworten nicht gibt. Der von ihm zitierte Politologe Philip Manow bringt es auf den Punkt: „Wenn es da ein klares Rezept gäbe, wäre es schon längst gefunden.“ Die Kernbotschaft des Artikels ist eine ernüchternde: Viele Maßnahmen gegen die AfD laufen ins Leere oder verstärken deren Dynamik sogar.

Heimann rekonstruiert anhand der „Zeit“-Beiträge, wie die AfD von einem Gefühl politischer Bevormundung profitiert. Aus einem Widerstand gegen einen als alternativlos empfundenen Mainstream – etwa unter Kanzlerin Merkel – wurde eine pauschale Ablehnung liberaler Institutionen. Entscheidend ist für Heimann die problematische Rolle der Medien: Journalist:innen stehen für viele AfD-Anhänger:innen für eben jene „da oben“, die sich über „uns“ erheben.

Ein zentrales Zitat aus der Analyse von Anne Hähnig und Bernd Ulrich illustriert dies drastisch. Es beschreibt eine Talkshow-Szene, in der ein SPD-Politiker einen AfD-Vertreter herablassend zurechtweist: „In diesem Moment tat sich der ganze Abgrund des linken Antifaschismus auf: Wenn selbst ein Sozialdemokrat wie Heil sich der fatalen Mischung von Antifaschismus und akademischer Arroganz nicht mehr bewusst ist, dann zeigt das, wie verloren Teile der politischen Linken im Kampf gegen die AfD sind.“ Moralische Überlegenheit und das Zelebrieren antifaschistischen Pathos bestätigten ungewollt das Opfernarrativ der Rechten und entfremdeten potenzielle Wähler:innen noch weiter.

Heimann verweist auf einen Vortrag auf der re:publica, der betont, dass Medien nicht in falsch verstandene Neutralität zurückfallen dürfen, aber zugleich akzeptiert werden müssen, um gehört zu werden. Genau diese Akzeptanz wird durch eine sich aufschaukelnde Dynamik untergraben, in der jede berechtigte Kritik an der AfD von deren Anhängern als neuer Beweis für Arroganz der Eliten gedeutet wird.

Anstatt eines einfachen Rezepts referiert der Autor die sieben Dinge, auf die man laut Hähnig und Ulrich verzichten sollte, darunter „Verachtung, Exotisierung, Klassismus, Verzweiflung, Verbotsdiskussionen, schnöder Materialismus, antifaschistisches Pathos“. Dagegen setzen sie „Heiterkeit, Liebe, Lösungen – und die Brandmauer“. Der Widerspruch bleibt bestehen: Ein Verbotsverfahren, wie es Ex-Vizekanzler Müntefering fordert, steht neben der Einsicht, dass der Kampf gegen die AfD „nicht im Kampf gegen die AfD gewonnen werden kann, aber verloren“. Abgerundet wird der Text mit aktuellen Umfragezahlen, die die AfD bei knapp 28 Prozent sehen – ein bitterer Realitätscheck.

Einordnung

Heimanns Altpapier-Kolumne ist eine reflektierte Meta-Analyse, die bewusst nicht nach einfachen Lösungen ruft. Sie bewegt sich klar im linksliberal-akademischen Diskurs und betreibt eine selbstkritische Schau auf die eigene politische Blase. Die Stärke liegt im Herausarbeiten der paradoxen Effekte gut gemeinter antifaschistischer Rhetorik. Allerdings bleiben Perspektiven von AfD-Wähler:innen selbst oder erfolgreichen Gegenstrategien aus anderen Ländern weitgehend ausgeblendet. Die vorgeschlagenen „sieben Verzichts“-Empfehlungen sind moralisch sympathisch, aber so vage, dass sie Gefahr laufen, in hilflosen Optimismus zu münden. Zudem setzt die Analyse unausgesprochen voraus, dass das Problem vor allem ein kommunikatives und kein strukturell-ökonomisches sei. Die Kolumne richtet sich an ein Publikum, das seine eigene Ohnmacht verstehen möchte, und bietet eine argumentativ dichte, wenn auch nicht handlungsleitende Lektüre. Lesenswert ist sie für alle, die sich für die Fallstricke der medialen und politischen Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus interessieren – weniger jedoch für diejenigen, die konkrete, wirksame Werkzeuge erwarten.