Ein Podiumsgespräch beim kurdischen Festival in Oldenburg verbindet zwei feministische Initiativen: den Heilkräutergarten Hevrin Khalaf in Berlin und die Kampagne „One Tree for Shingal“. Anuscheh Amir-Khalili stellt Flamingo e.V. vor, ein Netzwerk, das seit Jahren praktische Unterstützung für geflüchtete Frauen leiste – von Rechtsberatung über ein selbstorganisiertes Wohnprojekt für Schwangere bis hin zum Garten auf einem ehemaligen Friedhof in Neukölln. Dr. Leyla Ferman und Najlaa Matoo, selbst Überlebende des Genozids an den Jesid:innen, berichten von Women for Justice und der Idee, für jedes Opfer des IS einen Baum zu pflanzen. Die Verbindung liege in der Inspiration durch Jinwar, das autonome Frauendorf in Nordostsyrien, und dessen zentralen Heilkräutergarten. Heilung, so die gemeinsame Prämisse, entstehe dort, wo Frauen selbstbestimmt Räume schaffen, die Trauer zulassen, ohne zu bewerten – ein Ansatz, der den medizinischen und bürokratischen Umgang mit Geflüchteten in Deutschland bewusst hinter sich lasse.
Zentrale Punkte
- Heilung jenseits von Medikamenten Flamingo e.V. habe den Heilkräutergarten gegründet, weil geflüchtete Frauen oft ohne ausreichende Anamnese starke Antidepressiva verschrieben bekämen und Therapieplätze knapp seien. Der Garten biete einen Ort, an dem temporär Heilung stattfinden könne, ohne dass die Frauen bewertet würden.
- Gerechtigkeit heißt Wiederaufbau Auf Wunsch von Überlebenden des Genozids habe Women for Justice begonnen, in Shingal Bäume zu pflanzen. Gerechtigkeit bedeute nicht nur rechtliche Aufarbeitung, sondern auch, die zerstörte Heimat „zum Blühen zu bringen“ – ein baumpflanzender, ökologisch-gemeinschaftlicher Akt des Widerstands gegen die Zerstörung durch den IS.
- Trauer braucht unkommerzielle Orte Sowohl der Hevrin-Khalaf-Garten als auch die Baumpflanzungen in Shingal seien zu Trauer- und Gedenkorten geworden. Es gebe kaum Räume in Deutschland, wo kollektiv und ohne Leistungsdruck getrauert werden könne. Die Gärten würden bewusst nicht auf Social Media inszeniert, wenn ethische Bedenken dem entgegenstünden.
Einordnung
Das Gespräch lebt von der dichten Verflechtung biografischer Erfahrung und politischer Praxis. Najlaa Matoo und Leyla Ferman sprechen als Betroffene, die ihre Geschichte nicht als Opfererzählung präsentieren, sondern als Grundlage für Selbstermächtigung. Die Stärke liegt darin, konkrete Projekte sichtbar zu machen, die sonst selten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten: ein Heilkräutergarten in Berlin-Neukölln, Baumpflanzungen im Irak, eine von Überlebenden mitinitiierte Kita in Shingal. Die Verbindung von Natur, Gedenken und feministischem Widerstand wird als gelebte Alternative zu bürokratisierten Hilfsstrukturen erfahrbar.
Die Inspiration durch die kurdische Frauenbewegung in Rojava wird als unhinterfragt positiv dargestellt. Jinwar erscheint als idealisierter Referenzpunkt, ohne dass Spannungsfelder benannt werden – etwa die militärische Bedrohung durch die Türkei oder die Abhängigkeit der Region von externen Akteuren. Das Publikum erhält keine Einordnung, wie sich die politische Situation in Nordostsyrien seit 2019 verändert hat. Auch die Aussage, geflüchteten Frauen würden in Deutschland „ohne wirkliche Anamnese“ Antidepressiva verschrieben, bleibt eine pauschale Behauptung ohne Beleg. Der Modus des Podiumsgesprächs lässt Raum für Selbstdarstellung, aber wenig für kritische Nachfragen – ein Format, das Nähe und Empathie schafft, jedoch auf Distanz verzichtet.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für gelebte feministische Solidarität und konkrete Projekte zwischen Berlin und Shingal interessieren.
Sprecher:innen
- Dr. Leyla Ferman – Politikwissenschaftlerin, Vorstand Women for Justice, Forschung zum Genozid an Jesid:innen
- Najlaa Matoo – Überlebende des IS-Genozids, Menschenrechtsaktivistin aus Shingal
- Anuscheh Amir-Khalili – Islamwissenschaftlerin, Anthropologin, Gründerin Flamingo e.V.