Eine Welle der Gewalt hat Mali erschüttert. Bei zeitgleichen Angriffen in mehreren Landesteilen hätten zwei Gruppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die Militärregierung attackiert: die Al-Qaida-nahe JNIM und die säkulare Tuareg-Bewegung FLA. Dabei sei der Verteidigungsminister getötet worden. Beverly Ochieng, Analystin bei Control Risks, beschreibt im Gespräch mit Malika Bilal, wie diese fragile Allianz zustande komme und welche Rolle externe Akteure spielen. Die Analyse stellt die Frage ins Zentrum, wem die Regierung eigentlich noch Sicherheit bieten könne – eine Frage, die in ähnlicher Form in vielen Konflikten der Sahelzone selten gestellt werde.

Zentrale Punkte

  • Taktische Allianz gegen gemeinsamen Feind JNIM und die FLA hätten ideologisch nichts gemein, aber aus taktischem Kalkül kooperiert. Für beide sei die Militärregierung der Hauptgegner – sie bündelten ihre Kräfte, weil keine Gruppe allein stark genug sei, die Armee herauszufordern.
  • Russlands flexible Rolle Russische Söldner hätten in Mali bewusst keine großen Risiken auf sich genommen. Videos zeigten, wie sie kampflos abzögen, um sich selbst zu schützen. Ihre Präsenz sei kein vorbehaltloses Bekenntnis zur Regierung gewesen, sondern eine strategisch flexible Operation, die das langfristige Engagement infrage stelle.
  • Zivilbevölkerung im Fadenkreuz Die Militärregierung rechtfertige ihre Macht mit dem Sicherheitsversprechen, habe aber laut Menschenrechtsorganisationen mehr Zivilisten getötet als die Rebellengruppen. Gleichzeitig nutze JNIM wirtschaftliche Not gezielt zur Rekrutierung – ein Teufelskreis, der durch schwindende humanitäre Hilfe noch verschärft werde.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in der akribischen Kontextualisierung einer auf den ersten Blick widersprüchlichen Allianz. Beverly Ochieng entschlüsselt die Interessen der Konfliktparteien entlang einer klaren Frage: Wer profitiert wovon? Gerade die Beschreibung der russischen Söldner, die sich als wenig verlässlich erweisen, liefert einen wertvollen Blick hinter die Kulissen von Abhängigkeiten, die gerne als strategische Partnerschaft dargestellt werden.

Als selbstverständlich gesetzt wird dabei die Vorstellung, dass der Staat die einzige legitime Ordnungsmacht sei – obwohl genau dieser Staat für einen großen Teil der Gewalt gegen die eigene Bevölkerung verantwortlich gemacht wird. Dass die Regierung „keine Sicherheit bieten könne", wird beklagt, ohne dass die Möglichkeit eines grundlegend anderen politischen Arrangements erwogen würde. Ein satirischer Unterton blitzt auf, wenn Ochieng die russischen Söldner lakonisch als „nicht wirklich Stakeholder" beschreibt: „They're not real stakeholders in the Malian conflict, if you think about it. These are Malian groups, Malian individuals. Russia can willingly step away and leave it to them". Hier zeigt sich die ganze Distanz der externen Akteure zum tatsächlichen Konflikt.

Sprecher:innen

  • Beverly Ochieng – Senior Analyst bei Control Risks mit Fokus auf die frankophone Sahel-Region
  • Malika Bilal – Moderatorin und preisgekrönte Journalistin bei Al Jazeera