Derzeit wird nur die Website von NIUS berücksichtigt - keine YouTube-Videos. Am Freitag hatte NIUS die Täterfrage beim CSD-Anschlag noch auffällig ausgespart. Am Sonntag, nachdem ein islamistischer Hintergrund feststand, folgte die Umkehrung: Dauerfeuer gegen alle, die nicht hart genug durchgreifen.

Noch in der Nacht zum Sonntag hatte NIUS mit drei nahezu identischen Eilmeldungen über den Anschlag auf den Berliner CSD berichtet – ohne ein Wort über den mutmaßlichen Täter. Eine bemerkenswerte Zurückhaltung für ein Medium, das sonst jede Straftat als Beleg für „importierte Gewalt“ rahmt. Am Sonntag, als die Polizei den Islamisten Abdul Rahman Ballout als Tatverdächtigen benannte, fielen alle Hemmungen: Acht Beiträge in zwölf Stunden, die den Anschlag als Generalabrechnung mit Justiz, Medien und Merz-Regierung nutzten.

Gunnar Schupelius und Ben Brechtken lieferten die programmatischen Stücke. Schupelius erklärte in seinem um 4 Uhr morgens platzierten Kommentar den „radikalen Islam“ zur „größten Gefahr“ und den Staat für schutzunfähig: Die Zahl der „Personen mit Islamismuspotenzial“ steige – durch illegale Einwanderung und Radikalisierung hier Geborener. Brechtken ging um 5 Uhr noch weiter: „Wir gewinnen nicht gegen die Islamisten, wir verlieren gegen sie.“ Merz rede über eine „Gesellschaft, die einfach nicht mehr existiert“ – unterhöhlt von „Merkel-Pollern“, Deradikalisierungsgesprächen und einer Justiz, die einen IS-Anhänger „nach kürzester Zeit wieder auf freien Fuß“ lasse.

Die Täterbiografie wurde in vier Beiträgen von Joelle Rautenberg und Julius Böhm ausgebreitet: Ballout, 21, in Berlin geboren, libanesische Wurzeln, polizeibekannt als Islamist, erst im Mai 2026 aus der Haft entlassen, 26 Deradikalisierungstermine – zwei wahrgenommen. Böhm zitierte eine interne Polizeimitteilung, die NIUS nach eigenen Angaben vorlag. Ballout habe schon einmal einen Anschlag geplant. Die Kette klingt nach Staatsversagen, und genau diese Lesart pushten die Autoren: ein „Gefährder“, den die Behörden laufen ließen.

Parallel lief die Medienattacke: Philippe Fischer sammelte Formulierungen aus der Berichterstattung – „Auto pflügt“ (Bloomberg), „Zwischenfall“ (T-Online), „Auto fährt“ (Tagesschau) – und setzte sie in Anführungszeichen als Belege für Verharmlosung. Claudio Casula zählte Politiker-Statements durch, die das Wort „Islamismus“ vermieden, und erklärte sie für „von ChatGPT generiert“. Beide Kampagnen-Elemente waren aus früheren Anschlägen bekannt; sie brauchten nur reaktiviert zu werden. Dazu kam ein Stück über ntv, das in der Nacht über rechte Gefahren spekuliert hatte – für NIUS ein gefundenes Fressen, um die „ideologische Verblendung“ der Leitmedien vorzuführen. Zwei NIUS-Live-Teaser bewarben Sondersendungen mit Julian Reichelt – Cross-Promotion, die das Thema zusätzlich verstärkte.

Die Merz-Linie blieb ambivalent: Einerseits zitierte NIUS den Kanzler, der ganz im eigenen Sinne von „islamistischem Terror“ sprach und Konsequenzen ankündigte. Andererseits hämmerte Brechtken, Merz signalisiere mit seinem „sehr besonnenen“ Vorgehen nur mangelnde „Verteidigungsbereitschaft“. Die seit Tagen laufende „Merz-als-Schwächling“-Kampagne wurde also nicht unterbrochen, sondern in die neue Lage eingepasst. Abseits des Anschlags vermeldete Melanie Grün die anstehende Entlassung von Verkehrsminister Patrick Schnieder – ein Nebenschauplatz, der das Bild einer dysfunktionalen Regierung abrundete.

Dazwischen: Das NIUS Original „Der Zaun von Ceuta“ – eine Doku über die EU-Außengrenze, die Migration nach Europa als Kontrollverlust inszeniert. Kein Zufall in der Platzierung. Die Botschaft des Tages, über alle Genres hinweg: Der Staat verliert die Kontrolle – an den Grenzen, in der Justiz, auf der Straße.

Begriffe & Frames des Tages

  • „Der radikale Islam ist die größte Gefahr!“

    „Was fehlt, ist die Erkenntnis, dass der radikale Islam die größte Bedrohung ist.“ Schupelius setzt den islamistischen Terror als existenzielle Staatsbedrohung absolut – eine rhetorische Steigerung, die jeden anderen Sicherheitsdiskurs nachrangig macht und implizit fordert, den Rechtsstaat zugunsten von Härte umzubauen.

Relevante Artikel

  • CSD-Anschlag: Live-Berichterstattung und Täterprofil (4 Beiträge) Website 6:41–17:00 Uhr | 26.7.2026 Rautenberg berichtet vom Wohnort des Täters und betont „erkennbar muslimische“ Anwohner als bedrohliche Kulisse. Böhm zitiert interne Polizeivermerke und zeichnet das Bild eines bekannten Gefährders, den die Justiz laufen ließ. Die Redaktion vermeldet den finalen Polizeizugriff. Link 1 | Link 2 | Link 3 | Link 4

  • Kommentare: „Radikaler Islam“ und „Wir verlieren“ Website 3:00–3:54 Uhr | 27.7.2026 Schupelius erklärt den islamistischen Terror zur existenziellen Gefahr und geißelt ein „System des Versagens“. Brechtken deklariert die freiheitliche Gesellschaft für bereits verloren und attackiert Merz‘ „besonnenes“ Vorgehen als weiteres Zeichen von Schwäche. Link 1 | Link 2

  • Medienkritik: ntv-„Spekulationen“ und Politiker-Statements Website 8:52–11:29 Uhr | 26.7.2026 Fischer und Casula nehmen die Berichterstattung anderer Medien und die Reaktionen von Politikern auseinander – Vorwurf: Verharmlosung und Verschweigen des islamistischen Hintergrunds. Die eigenen Spekulationen vom Freitag bleiben unerwähnt. Link 1 | Link 2