Derzeit wird nur die Website von NIUS berücksichtigt – keine YouTube-Videos. Ein hasserfüllter Verriss auf ZDF-Moderatorinnen und ein paralleler Kampagnen-Aufbau gegen Migration: NIUS erweiterte am Dienstag seinen Kulturkampf um eine besonders gehässige Front.

Der ungewöhnlich lange Text von NIUS-Autor Claudio Casula über die ZDF-Dokumentation „Was haben wir gelacht“ bildete das emotionale Gravitationszentrum des Tages. „Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Rudi Carrell als Zielscheibe: ZDF wirbt für Doku, die Shows der 90er Jahre als sexistisch darstellt“ – bereits die Headline positioniert die Toten und den schwerkranken Gottschalk als schutzlose Opfer eines öffentlich-rechtlichen Hinrichtungskommandos. Casula konstruiert eine Täter-Opfer-Umkehr: Nicht die sexistischen Witze von einst sind das Problem, sondern die Frauen, die sich heute darüber äußern. Die fünf Protagonistinnen des Films – Esther Schweins, Hella von Sinnen, Gaby Köster, Maren Kroymann und Bettina Böttinger – werden als geschmäht, ihr Humor als minderwertig dargestellt, und das ZDF als ideologische Anstalt, die „das Geld des Beitragszahlers“ für ein „Bashing von mehr oder weniger harmlosen Witzen“ verschleudere. Besonders perfide ist der Hinweis, dass Gottschalk an einem „seltenen und aggressiven epithelioiden Angiosarkom“ erkrankt sei, gefolgt von der Frage: „Will das ZDF hier nachtreten?“

Auffällig ist, was Casula für den eigentlich Skandal hält: Nicht die Herabwürdigung von Frauen in den Shows, sondern dass sich „besonders angesichts der aktuellen Lage, in der Frauen immer häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen und sogar Gruppenvergewaltigungen werden“ eine Doku mit alten Witzen beschäftigt. Mit diesem rhetorischen Schlenker stellt er die Doku als kontraproduktiv dar – und bedient gleichzeitig das NIUS-Narrativ der migrationsbedingten Frauen-Gefahr, ohne es aussprechen zu müssen. Dass die NIUS-Live-Sendung am Mittwoch das gleiche Thema ganz oben auf der Agenda hat, unterstreicht den Kampagnencharakter. Das Thema tauchte als Cross-Promotion im Live-Teaser auf, samt Ankündigung, die schwerkranke Gaby Köster rechne mit der Politik ab.

Flankierend zum Kulturkampf wurde die AfD-geführte Datenkampagne zur Migration weiter ausgebaut. Ein Artikel, der sich auf eine „exklusive“ Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit im Auftrag des AfD-Abgeordneten René Springer beruft, beziffert die Zahl der eingebürgerten Arbeitslosen auf 307.601. Die Botschaft ist unverhohlen: Einbürgerung ist ein Vehikel zur Einwanderung in Sozialsysteme. Springer, der als alleiniger Interpret der Daten auftritt, kommentiert: „Im großen Stil [wurden] Sozialfälle eingebürgert.“ Dass die gesetzliche Voraussetzung für eine Einbürgerung unter anderem die eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts ist, wird nur erwähnt, um den vermeintlichen Bruch dieser Regel zu skandalisieren. Ein zweiter Redaktionsartikel, ebenfalls auf einer Springer-Anfrage basierend, meldet die Aufnahme von 36.000 Afghanen seit 2021 – und lässt Springer das angebliche Regieren am Parlament vorbei anprangern.

NIUS-Kolumnist Gunnar Schupelius wiederum griff den Bundespräsidenten frontal an. Am fünften Jahrestag der Ahrtal-Flut nannte er Steinmeiers Hinweis auf den menschengemachten Klimawandel ein „Klima-Märchen“. Steinmeier, so Schupelius, kolportiere eine falsche Behauptung, um die „Klimapolitik zu rechtfertigen, die alles teurer macht und Industrie und Arbeitsplätze gefährdet“. Die Behauptung, regionale Extremwetter hätten nichts mit dem Klimawandel zu tun, wird als Fakt präsentiert, und ein unwidersprochener Axel-Bojanowski-Kommentar aus der „Welt“ dient als alleinige Autorität. Das Eigenlob durfte auch nicht fehlen: Ein kurzer Beitrag vermeldet einen gerichtlichen Sieg von NIUS gegen die BVG.

Begriffe & Frames des Tages

  • „Deplatziert“

    „Besonders angesichts der aktuellen Lage, in der Frauen immer häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen und sogar Gruppenvergewaltigungen werden, erscheint das Bashing von mehr oder weniger harmlosen Witzen oder anzüglichem Gerede vor 30 Jahren rechtschaffen deplatziert.“ Casulas rhetorischer Kniff ist die Prioritätenumkehr. Das Adjektiv zielt darauf ab, die Beschäftigung mit Sexismus als lächerlich und gegenüber der vermeintlich viel bedrohlicheren Gewalt von Migranten als unangemessen zu brandmarken. Zwei unterschiedliche Phänomene werden in eine falsche Konkurrenz gesetzt, um das unerwünschte zu delegitimieren.

  • „Armutszeugnis“

    „Der hohe Anteil deutscher Staatsbürger mit eigener Migrationserfahrung unter den Arbeitslosen zeigt, dass im großen Stil Sozialfälle eingebürgert wurden. Die AfD fordert deshalb einen sofortigen Stopp der bisherigen Einbürgerungspraxis.“ Springers Begriff ist ein offener Diffamierungsversuch. Er kehrt eine statistische Korrelation in einen intentionalen Missbrauchsvorwurf um und entmenschlicht die Betroffenen pauschal zu „Sozialfällen“. Ein komplexes arbeitsmarktpolitisches Problem wird zu einem simplen Betrugsnarrativ umgebaut.

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