Auslöser war ein Social-Media-Post von Julian Reichelt: „Wir werden immer beliebter bei sämtlichen beiden Geschlechtern." Die BVG beendete daraufhin die Berliner NIUS-Werbekampagne – und NIUS machte am Freitagabend aus einer transfeindlichen Provokation eine Märtyrerlegende.
Moderator Andreas Dorfmann eröffnete NIUS Live am Abend mit einer langen Reminiszenz an den D-Day: junge US-Soldaten, die ihr Leben für die Freiheit gaben. Den Übergang zur nächsten Passage markierte ein einziger Satz: „Doch die Freiheit in Deutschland beginnt erneut zu bröckeln." Was dann folgte, war die BVG-Geschichte. Der rhetorische Bogen – Normandiestrände 1944, NIUS-Werbung 2026 – blieb unkommentiert stehen. Gast Markus Held erklärte, wer der Meinung sei, es gebe zwei Geschlechter, sei „schon nicht mehr in dieser Gesellschaft willkommen". Gast Annekatrin Mücke, aufgewachsen in der DDR, nannte das „Denk- und Sprechverbotskonstrukte" – die Verknüpfung von Gender-Diskurs mit ostdeutscher Zensur-Erfahrung war explizit. Dorfmann fragte in die Runde, ob die BVG vom „linken Mob" eingeknickt sei. Niemand widersprach. Was das Segment durchgehend ausblendete: dass der eigentliche Auslöser ein Werbeentwurf war, der geschlechtliche Vielfalt als Pointe benutzt.
Im letzten Sendungsblock, unter der Rubrik „Posts des Tages", las Dorfmann einen Tweet von Don Alphonso vor: Ein Afghane hatte in Herrsching einen anderen Afghanen erstochen. Mücke antwortete zunächst mit einer Erinnerung an 2015 – Flüchtlinge hätten auf „sauber geputzten Vorgärten" in Bayern ihre Notdurft verrichtet, die Anwohner seien „überhaupt nicht fertig" damit geworden. Dann, unaufgefordert, eine zweite Anekdote: Ein Afghane in ihrem Berliner Kiez habe vor Jahren „seiner Frau den Hals durchgeschnitten" vor den Augen der Kinder. „Leider Gottes Alltag", schloss sie. Das war kein Nachrichtensegment. Es war persönliche Erzählung, eingebettet in Social-Media-Kommentare, ohne Einordnung und ohne Widerspruch – so funktioniert die beiläufige Normalisierung.
Auf der Website trug ein Artikel über TikTok-Solidaritätsbekundungen für den ermordeten Studenten Henry Nowak die Headline: „Wie damals für George Floyd". Der Vergleich ist nicht zufällig: Er versucht, weiße Opferschaft als Pendant zu antirassistischen Solidaritätsbewegungen zu setzen – ein Frame, der aus dem amerikanischen Rechtsaußen-Diskurs stammt und hier erstmals so explizit im NIUS-Kontext erscheint. Daneben lief die Rubrik „Antisemit der Woche", diesmal gegen den SPD-Politiker Adis Ahmetović, der eine Zahl von Gaza-Toten zitiert hatte. Die Rubrik funktioniert als Instrument: Wer israelische Kriegsführung beziffert, wird zur wöchentlichen Täterfigur erklärt. „Berlin verslumt immer mehr" und „Razzien nach eskaliertem Clan-Treffen" rundeten das Website-Bild ab – Stadtverfall und ethnisierte Kriminalität als Normalvokabular.
Der §188-Strang aus dem Vortag lief weiter: Reichelts „Akte Lügenfritz"-Kommentar erschien auf der Website, Ralf Schuler ergänzte einen eigenen §188-Text. Drei Beiträge zum selben juristischen Thema innerhalb von zwei Tagen – die Paragraphen-Abschaffungs-Agenda bleibt im Aufbau.
Begriffe & Frames des Tages
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„Denk- und Sprechverbotskonstrukte"
„für jemanden, der wie ich in der DDR groß geworden ist, schon bedenklich, wenn auf einmal solche Denk- und Sprechverbotskonstrukte wirklich legalisiert werden sollen" Mücke verknüpft die Diskussion über Geschlechtervielfalt direkt mit DDR-Repression – ein Brückenschlag, der im Live-Format ohne Einspruch stehen blieb. Das Kompositum taugt als Kurzformel für jede unerwünschte Normverschiebung und dürfte in konservativen Mediendiskursen anschlussfähig sein.
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„Wie damals für George Floyd"
Headline: „Wie damals für George Floyd: Tausende Menschen knien jetzt für ermordeten Henry Nowak auf TikTok" Der Floyd-Vergleich ist kein Stilmittel, sondern ein Frame: Er setzt weiße Opferschaft als strukturelle Entsprechung zu antirassistischer Bewegung und versucht, BLM-Symbolik umzuwenden. Das ist eine aus dem amerikanischen Alt-Right bekannte Strategie – ihr erstmaliges explizites Auftauchen in einer NIUS-Headline verdient Beobachtung.
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