Klaus-Rüdiger Mai, Historiker und NIUS-Stammgast, legte am Mittwochabend das Prinzip offen: Eine Gesellschaft könne 330.000 Einbürgerungen verkraften – „wenn es die richtigen sind". Dann präzisierte er: Bei Japanern, Amerikanern, Franzosen kein Problem; Menschen aus „Kulturkreisen" mit anderem „Umgang mit Frauen" seien „definitiv nicht verkraftbar". Moderator Andreas Dorfmann fragte nicht nach.
Neben Mai saß Andreas Heinzgen, Pressesprecher der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Dorfmann nannte seine Parteizugehörigkeit kurz, ordnete sie nicht ein. Im Einbürgerungssegment, das den Abend dominierte, teilten beide die Arbeit auf: Heinzgen setzte die politische Empörung – Berlins Einbürgerungsamt feiere Planübererfüllung „mit einer großen Torte" wie die DDR den Fünfjahresplan –, Mai lieferte die kulturelle Sortierungslogik. Das Gesprächsformat funktioniert so: Der AfD-Politiker darf die schärfste Formulierung wählen, der Historiker gibt ihr akademischen Begleitklang. Kein Widerspruch entsteht, weil keiner der drei Beteiligten einen angeboten hätte. Die Sendung trug als Ankertitel „Jeder fünfte neue Deutsche kommt aus Syrien" – im Segment selbst diskutierte man dann die allgemeine Rekordzahl von 332.500 Einbürgerungen. Der Syria-spezifische Titel ist der alarmierendste verfügbare Ausschnitt desselben Datensatzes.
Den Bevölkerungsaustausch-Frame setzte Dorfmann selbst, ohne das Wort zu benutzen: Die SPD versuche, „frei nach Brecht", sich „ein neues Volk zu schaffen, ein neues Wählervolk." Mai stimmte zu. Der Brecht-Verweis – die Regierung löst das Volk auf und wählt ein neues – ist in rechten Diskursen eine geläufige codierte Variante des „Umvolkung"-Vorwurfs. Als literarische Anspielung lässt er dem Sprecher einen Rückzugsweg.
Kurz vor dem Einbürgerungssegment hatte Dorfmann eine Zahl ohne Quellenangabe eingeführt: 48 Prozent der Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit flössen an „Ausländer" – ausdrücklich: „nicht Migranten, also Menschen ohne deutschen Pass." Heinzgen verknüpfte sie sofort mit der „Grenzöffnung 2015" und der Behauptung, vier Millionen Menschen seien ohne echte Arbeitsmarktchance ins Land gelassen worden. Schon zu Beginn der Sendung hatte NIUS ein Exklusiv präsentiert: Das Defizit der Bundesagentur bis 2030 liege nicht bei 34, sondern bei 85 Milliarden Euro – NIUS habe „nachgerechnet und exklusiv herausgefunden". Methodik und Primärquelle blieben unerwähnt.
Dazwischen lag ein langes Segment über die NIUS-Werbung auf BVG-Bussen. Campact und Journalistengewerkschaft liefen „Amok", die Proteste trügen „hysterische Züge" – so Dorfmann. Mai zog die Linie zur NS-„Reichsschrifttumskammer"; Heinzgen warnte, die Empörung erinnere ihn an Ulrike Meinhofs frühe Radikalisierungsstufen – die Werbung als Verfolgungsbeweis, der Widerspruch als Vorstufe zum Terror. Das ist keine Berichterstattung über externe Ereignisse, sondern NIUS-Selbstpositionierung als verfolgtes Medium.
Auf der Website erschien kurz nach Mitternacht ein IPCC-Artikel, der einen internen Wissenschaftsstreit als „Skandal" rahmte – der dritte klimaskeptische Text in 48 Stunden.
Begriffe & Frames des Tages
- „die Richtigen einbürgern"
„Ich glaube, eine Gesellschaft kann das verkraften, wenn es die richtigen sind, die eingebürgert werden."