Der „Bodenständige“, der „Lügenfritz“-Scheiterhaufen und die „Cancel-Kultur“ – so inszeniert NIUS das eigene Weltbild als journalistische Normalität.

Am Donnerstag dominierten bei NIUS drei zentrale Angriffslinien: Erstens die rassistische Opfererzählung um den ermordeten britischen Studenten Henry Nowak, der als „weißes Opfer“ staatlicher Gewalt instrumentalisiert wird. Zweitens die Diffamierung von Geschichtspolitik als zensierende „Tugendprotzerei“, etwa bei der Umbenennung des Hindenburgdamms. Und drittens die Selbstviktimisierung der NIUS-Redaktion, die sich als Opfer eines angeblich repressiven Staates inszeniert – während gleichzeitig rassistische Deutungsmuster gepusht werden. Die Kampagnenlogik ist dabei klar: Wer nicht in das Schema passt, wird ignoriert oder dämonisiert. Im Fall Nowak etwa wird die rassistische Dimension der Tat (Täter: ein Sikh) systematisch ausgeblendet, um stattdessen eine Erzählung über „weiße Opfer“ zu etablieren.


Das „Poldi“-Porträt der Redakteurin Melanie Grün folgt dabei einer klassischen Kulturkampf-Strategie: Der Fußballer wird als Inbegriff deutscher Tugenden (Bodenständigkeit, Familienwerte, Leistungswille) stilisiert – während gleichzeitig progressive Themenfelder (Gender, Klimapolitik) als „ideologisch“ diskreditiert werden. Grün reduziert Podolskis Unternehmerkarriere auf „Döner-Kette und Eisdielen“ und ignoriert dabei die strukturellen Rassismuserfahrungen, die mit solchen Narrativen einhergehen. Stattdessen wird Podolski als „Ersatzkaiser“ gefeiert – ein Begriff, der an die völkisch-konservative Tradition anknüpft.

Im Kommentar zur Umbenennung des Hindenburgdamms attackiert Claudio Casula Geschichtspolitik als „Tugendprotzerei“ und stellt Hindenburg als ambivalente Figur dar, die weder „Makel“ noch „tiefen Antisemitismus“ besessen habe. Casula ignoriert dabei die zentrale Rolle Hindenburgs bei der Machtergreifung Hitlers und reduziert die Debatte auf eine angebliche „moralische Überheblichkeit“ der Gegenwart. Die „damnatio memoriae“-Rhetorik folgt dabei einem klassischen Cancel-Kultur-Frame, der historische Aufarbeitung als „Zensur“ denunziert.

Die „Majestätsbeleidigungshysterie“ erreicht unterdessen neue Höhen: In gleich zwei Artikeln wird der Paragraph 188 („Majestätsbeleidigung“) thematisiert – einmal als angebliche „Pervertierung des Diskurses“ (Ralf Schuler) und einmal als Beleg für die „Kriminalisierung von Kritik“ (Julian Reichelt). Beide Beiträge ignorieren dabei die rassistischen Untertöne der Debatte um Henry Nowak, in der die rassistische Dimension der Tat systematisch ausgeblendet wird. Stattdessen wird die „Straflosigkeit von Lügenfritzen“ wie Merz betont – während gleichzeitig die Straffälligkeit von Bürgern (etwa im Fall des „Lügenfritz“-Urteils) dramatisiert wird.


Begriffe & Frames des Tages

  • „Tugendprotzerei“ (Cancel-Kultur-Frame)

    „Mal wieder ist Hitler im Nachhinein besiegt worden.“ Claudio Casula nutzt den Begriff, um Geschichtspolitik als moralisierende „Zensur“ zu diffamieren. Der Frame zielt darauf ab, historische Aufarbeitung als „ideologische Überhöhung“ darzustellen und damit den NS-Terror zu relativieren. Die Umbenennung des Hindenburgdamms wird als „Cancel-Kultur“ inszeniert, während die rassistischen Untertöne der Debatte ignoriert werden.

  • „Weiße Opfer“-Narrativ (rassistische Opfererzählung)

    „Der 18-Jährige Henry Nowak musste sterben, weil er weiß war.“ Die NIUS-Redaktion nutzt den Fall Henry Nowak, um eine rassistische Opfererzählung zu etablieren. Die rassistische Dimension der Tat (Täter: ein Sikh) wird systematisch ausgeblendet, stattdessen wird der Fall als Beleg für eine angebliche „Systematik der Gewalt gegen weiße Männer“ instrumentalisiert. Die Headline und die Darstellung der Bodycam-Aufnahmen folgen dabei einem klassisch rassistischen Deutungsmuster, das Opfer und Täter entlang ethnischer Linien unterscheidet. Die „George Floyd“-Analogie dient dabei als propagandistisches Werkzeug, um die rassistische Dimension der Debatte zu verschleiern.


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